leben, laufen, und NEIN, ich kenne den Herrn Lugner nicht persönlich!!!
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Wörthersee Ultra Trail 2011 - Katzie goes offroad

Wie macht man aus einer Hauskatze eine Wildkatze? Man lässt sie an einem Geländelauf teilnehmen. In einem Anfall von "das muss man einfach mal probiert haben" meldete ich mich also für den Wörtherseetrail an. 57 Kilometer im Gelände, 1800 Höhenmeter und Wurzeln, Steine, Matsch und Forstwege. Die Vorbereitung machte ich auf der Straße. Immerhin bin ich zumindest auf Bergstraßen gelaufen, habe also die Selbstsabotage diesmal nicht ganz so konsequent betrieben wie sonst. Aus meinen geplanten drei Wochen Urlaub im September wurden schließlich vier Tage. Auch gut. Am zweiten Tag bin ich von St. Anna weg auf den Zirbitzkogel hinaufgelaufen. 1.100 Höhenmeter über Geröll und Wurzeln. Beim Hinunterlaufen hats mich dann gewaltig zerlegt, aber dank meiner katzenhaften Eleganz habe ich mich geschickt abgerollt und so war ich zwar mächtig dreckig, hab mir aber nicht mal meine Laufsachen zerrissen. Trotzdem muss mein Landeanflug auf die Geröllhalde gewisse Schwächen gezeigt haben, denn am nächsten Morgen war meine linke Hüfte und fast meine ganze rechte Körperseite von blauschwarzen Flecken übersät. Und sehr schmerzaktiv.

Noch ganze drei Tage bis zum Tag X. Genug Zeit, um wieder völlig zu heilen dachte ich. Und so hievte ich am Freitag meinen schmerzenden Körper in mein Auto und fuhr an den Wörthersee, um meine Startnummer zu holen. Zuvor führte ich noch ein langes Telefonat mit einem Bekannten, der sich die Strecke schon angeschaut hatte. Der machte mir nicht grade Mut, indem er sagte, dass es wohl eine verdammte Quälerei wäre, bei meinem momentanen Trainingszustand und jetzt auch noch verletzt, die gesamte Strecke zu laufen. Ich würde also versuchen, meine Anmeldung auf eine der Unterdistanzen (30 oder 15 Kilometer) umzuändern.

Als ich dann am "helpdesk" war und eine nette Dame mir erklärte, was beim Trail auf mich zu kommen würde, beschloss ich tatsächlich, auf den 30-Kilometer Allin Trail zu wechseln. Da stand ich also und sah, dass meine Startnummer schon ausgedruckt und mit meinem Namen versehen war.. und in dem Moment fiel die Entscheidung: Nein, ich werde den Langen laufen. Egal wie, es wird gehen müssen. Fertig. Und ich schnappte mir die Startnummer, den Chip und das Startersackerl und begab mich zurück zum Campingplatz, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Weil ich noch etwas Zeit bis zur Wettkampfbesprechung hatte, ging ich noch einmal in mich, um das eben erlebte zu analysieren. Das Ergebnis: folge Deinem Herzen. Alles andere taugt nix. An einem Stand für Kompressionswäsche erstand ich Bandagen für meine Oberschenkel und zog die gleich an. Danach war es mir zumindest fast schmerzfrei möglich, Gehsteigkanten zu überwinden. Der Sturz am Zirbitz hing mir noch ganz schön nach und ich beschloss, meinen Zustand am nächsten Morgen als allerletzte Entscheidungshilfe über Start oder Nichtstart zu verwenden.

Am Abend ging ich relativ früh schlafen, nachdem ich noch ein wenig mit dem Laptop im Internet herumgesurft war und alles, was ich zum Thema Wörtherseetrail gefunden hatte, gelesen hatte.

Um 06:00 Uhr am 24. September 2011 läutet mein Wecker und ich klettere ächzend aus dem Bett. Schmerz ist das erste, was mich durchzuckt. Mein geprellter (oder gequetschter, wer weiß das schon) Oberschenkelmuskel links und mein verletzter Unterschenkelmuskel rechts verhindern nachhaltig ein würdevolles Verlassen meines Autos, als ich mich in Richtung WC aufmache. Jedes Bröckchen Vernunft in mir sagt: "So kannst Du nicht an den Start gehen." Aber da ist noch das Wissen von anderen Veranstaltungen, dass ich vor dem Start IMMER Phantomschmerzen habe.. diesmal sind sie halt wirklich real... und dass es irgendwann sowieso IMMER weh tun wird auf so einer Distanz, das ist mir auch klar. Also, warum nicht starten?

Ich nehme reichlich Kohlenhydrate zu mir (Peerotonriegel und Getränk) und dazu einen Magenwohl-Tee und dann ziehe ich mich in aller Ruhe an. Um 07:20 Uhr bin ich fertig und bereit, an den Start zu gehen. Obwohl ich noch ein wenig herumtrödle, stehe ich schließlich um 07:40 Uhr in der Trail City herum und beobachte die anderen Läufer, die irgendwie alle zu wissen scheinen, was sie hier tun. Ich habe mir einen Spruch aus der facebook Gruppe des Wörthersee Trails auf den Unterarm gekritzelt "Du weißt, warum Du hier bist, also kämpfe" und mir vorgenommen, diesen zu beherzigen.

Das Wetter ist kühl, aber nicht kalt und der Himmel bedeckt. So kann es bleiben, das wäre das perfekte Läuferwetter! Kurz vor 08:00 Uhr spricht mich Ulli Striednig an und ich bin total happy, wenigstens EINEN Bekannten zu treffen. Ulli strahlt so viel Zuversicht und Begeisterung aus, dass ich plötzlich gar nicht mehr verstehe, wie ich Zweifel daran haben konnte, was ich hier mache.

Um kurz nach 08:00 Uhr wird dann über Lautsprecher der Countdown von einer magisch klingenden Stimme heruntergezählt und alles erscheint mit einem Schlag ein wenig unwirklich und besonders und endlich dürfen wir loslaufen. Jeder Schritt schmerzt. Ich versuche, meine Gedanken abzulenken, indem ich mich auf die Läufer rund um mich herum, die Stimmung, den Lauf konzentriere. Es gelingt nur ansatzweise.

Die Strecke führt erst über ein schmales Asphaltband durch einen Park und als wir nach ein paar hundert Metern über die Wiese abkürzen, habe ich das Gefühl, dies geschieht nur, weil es keiner mehr erwarten kann, endlich Natur unter den Sohlen zu haben.

Nach der Unterführung geht es noch einmal um die Ecke, wo der Streckenchef steht, der mit allen Läufern abklatscht und uns einen guten Lauf wünscht. Plötzlich schiebt sich das Läuferfeld, das sich gerade zu entzerren begonnen hat, wieder zusammen. Wir gehen. Die erste Steigung liegt vor uns und da die Läufer vor uns bergauf gehen, müssen auch wir unseren Lauf unterbrechen und warten geduldig, bis wir über die steinernen Stufen bergauf wandern können. Ich wundere mich. Soll das nun so weitergehen? Ist Trailrunning denn in Wahrheit eine Art forciertes Wandern im Gelände - zumindest in der Geschwindigkeitsgruppe, in der ich mich bewege?

Dann geht es wieder flott weiter, über Stock und Stein und sehr wurzeligen Untergrund, eine kurze Asphaltpassage und das erste Bergabstück liegt vor mir. Es erinnert vom Aussehen her an einen guten Mountainbike Downhill trail. Von der Sorte, die einen Federweg von mindestens 15 Zentimetern erfordern. Vollgefedert, versteht sich! Dank der Gewohnheit, weit voraus zu schauen (danke, Grunzi für die Blicktechnik-Trainings beim Motorradfahren und danke Rainer für die "never stop" Hinweise im Downhilltraining!) habe ich bald ein respektables Tempo beim Bergablaufen gefunden. So lässt sich der nächste steile Anstieg, den ich wieder im Wandermodus bewältige, leicht verkraften.

Schon bald habe ich ein System gefunden, mit dem ich mich anfreunden kann. Bis zu einer gewissen Hangneigung kann ich laufen, ab dann wird marschiert. Bergab gehts dann mit vorsichtigem Tempo. Ich habe ziemlichen Bammel davor, mir den Haxen zu brechen, irgend eine Sehne abzureissen oder einen Muskel zu zerren und daher lasse ich es auch bergab nicht so richtig krachen. Aber ich fühle mich nicht schlecht durch die Sicherheit, die ich im Gelände vom Downhillfahren habe. Auch wenn mir klar ist, dass mein wildes Herumrudern mit beiden Armen vermutlich eher blöd ausschaut. Aber ich fühle mich so sicherer und hier im Wald sieht es eh kein Unbeteiligter.

Nach kürzester Zeit - so kommt es mir zumindest vor - taucht die erste Labestelle auf. Ich schaue überrascht auf, denn die Zeit vergeht für mich wie im Flug. So aufregend und spannend ist das alles, so unterschiedlich ist der Untergrund und so wunderschön sind die Szenen im herbstlichen Wald, dass ich noch gar nie auf die Uhr geschaut habe. Aber das hätte ich mich auch nicht getraut, aus Angst, eine Wurzel zu übersehen.

An der ersten Labestelle gibt es heiße Suppe und alle Arten von Getränken, Bananen und Dinkelgebäck, sowie - angeblich hausgebackene - Müsliriegel, die in kleine Quadrate geschnitten sind. Ich schnappe mir einen Becher Wasser und zwei Stück Dinkelgebäck und marschiere ein Stück, während ich nachtanke. Meine eigene Trinkflasche habe ich derweil in die Rückentasche des Fahrradtrikots gesteckt in der sich auch schon meine Sonnenbrille befindet. Notiere die Erkenntnis Nr. 1: Beim Trailrunning im Wald braucht man definitiv keine Sonnenbrille!

Dann laufe ich wieder los und komme überraschend schnell wieder in meinen Schritt. An einer steilen Bergabpassage steht ein Fotograf. Ich versuche, in die Kamera zu schauen, bleibe aber zeitgleich irgendwo am Boden mit dem Fuß hängen und schaffe es gerade noch, nicht publikumswirksam mit meiner Nase eine Furche in den Waldboden zu ziehen. Der Fotograf ist erschrocken zur Seite gesprungen, also gibt es keine Beweisfotos meiner uneleganten Weise, das Gefälle zu bewältigen. Sehr gut.

Während ich vor mich hin laufe, höre ich anderen Läufern zu, die sich unterhalten. Da geht es um andere Veranstaltungen, Bergläufe, Ultraläufe und Krankheiten. Immer wieder tauche ich in einen Schwall von Erzählungen über alle möglichen Zipperlein. Merkwürdig. Aber vielleicht versuchen die alle grade, eine Ausrede für mögliches Nichterreichen der persönlichen Bestzeit zu formulieren? Noch ist alles offen, noch kann viel passieren. Irgend jemand spricht mich auf mein hohes Tempo beim Bergablaufen an und ich sage ihm, dass dies mein erster Geländelauf ist und ich grade versuche, ein für mich taugliches System zu finden. Er antwortet nicht. Ich kann mich aber nicht umdrehen, um zu sehen, ob er überhaupt noch hinter mir ist, denn gerade kommt wieder eine extrem wurzelige Passage und benötigt meine volle Konzentration.

Nach der nächsten Labestelle hängt sich ein Läufer an mich an, der sich als "Indy, der Gletscherindianer" vorstellt. Sein Laufpartner musste aufgeben, weil er gesundheitlich angeschlagen ist und Indy hat beschlossen, dass mein Tempo genau für ihn passt. Ich finde es nett, seinem Kärntner Dialekt zu lauschen. Er erzählt vom Ironman und vom Schifahren und einige seiner bevorzugten Schigebiete kenne ich noch vom Motorradfahren im Sommer. Doch das Tempo von Indy ist dann doch etwas niedriger als meines, vor allem bergab und so verliere ich meinen Begleiter bald wieder.

Der Weg wird zum Bach, denn das Wasser hat sich den Hohlweg als Rinnsal ausgesucht. Es ist matschig und jeder versucht, irgendwie seitlich an dem Trail dranzubleiben. Die blau-weiß-blauen Markierungen und die folierten Zeichen des WTC weisen uns den Weg.

Bei der Besprechung wurde auf eine gefährliche Stelle vor der Römerschlucht hingewiesen. Die sollte nach etwa 20 Kilometern kommen. Da ich keine Ahnung habe, dass ich bereits so weit gekommen bin, trifft mich die Schlüsselstelle unvorbereitet. Auf den schräg abwärts verlaufenden Wurzeln finden meine Straßenlaufschuhe natürlich keinen Halt und auch die vom Wasser glatt gewaschenen Steinplatten sind nicht wirklich hilfreich. Ich verlasse die Strecke im Vorwärtsüberschlag und wälze mich unfreiwillig im Dreck weit unterhalb der gedachten Ideallinie. Nachdem ich kurz abgecheckt habe, ob alles noch dran ist (und auch von ein paar besorgten Mitläufern gefragt wurde, ob alles okay sei) muß ich im unehrenhaften 4-WD-Stil (also auf allen Vieren) wieder zum Weg hinaufkrabbeln. Meine schönen weißen CEP Stutzen schauen jetzt aus als wären sie im Camouflage Design geliefert worden. Erkenntnis Nr. 2: Beim Trailrunning sind weiße Strümpfe nonsens.

 

Die Römerschlucht ist wunderschön. Schroffe Felsen mit Moos bewachsen, ein schmales Rinnsal, das sich über Stock und Stein schlängelt und dazu das unwirkliche Herbstlicht. Ich bin ganz bezaubert und überwältigt von den vielen Eindrücken. Am liebsten würde ich jetzt ganz langsam gehen und all diese Bilder auf mich wirken lassen, aber der Trail ist hier so schmal, dass ich andere Läufer aufhalten würde. Schweren Herzens trabe ich durch diese Märchenkulisse, ganz erfüllt von dem Wunsch, bald wieder hier her zu kommen. Schon längst ist die Frage, ob denn das Trailrunning etwas für mich ist der Erkenntnis gewichen, dass es eine der schönsten Arten ist, sich laufend fortzubewegen. Wenn nicht überhaupt die Schönste.

An einem Checkpoint bekommen wir Haargummis über die Handgelenke gestreift. Damit soll verhindert werden, dass Läufer abkürzen. Ich bin beeindruckt. Hier im Gelände abkürzen? Ich würde mich heillos verirren, wenn ich nur drei Schritte von dem gut markierten Trail weggehe!

Immer wieder laufe ich ganz allein und muß nach den Markierungen Ausschau halten. Sie sind sehr gut sichtbar, aber ab und zu doch weit genug auseinander, dass mir kurz Zweifel kommen, ob ich noch richtig bin. Umso größer ist dann die Erleichterung, dass ich scheinbar ein gutes Gespür für den richtigen Weg habe. Und der ist auch wirklich gut markiert. Sogar Markierungen, die scheinbar noch vom vorigen Jahr stammen, finde ich.

Viel zu schnell kommt die Tafel mit der 30 Kilometer Anzeige. Ich kann es kaum glauben, dass schon mehr als die Hälfte der Strecke hinter mir liegt. Natürlich, von der Zeit her.. ich habe schon längst gemerkt, dass die Zeitangaben von der Straße hier völlig nutzlos sind. Aber trotzdem, ab und zu werfe ich einen Blick auf meine Uhr, aber eigentlich ist das eine automatisierte Bewegung, denn die Zahlen am Display sagen mir nichts.

An allen Labestellen sind die Helfer total nett und bemüht. In Velden fragt mich ein junges Mädchen gleich, ob sie meine Trinkflasche anfüllen soll, noch bevor ich selbst auf die Idee gekommen bin. Ich reiche ihr dankbar meine kleine Trinkflasche, während ich ein Stück Apfel und ein Stück Dinkelgebäck für unterwegs nehme.

Irgendwann plötzlich heißt es "Bergwertung Pyramidenkogel". Ich bin irritiert, denn der erste Teil ist flach. Aber dann steigt es ordentlich. Und steigt. Und steigt. Einen Forstweg hinauf marschieren wir, als uns die ersten Läufer entgegenkommen, die schon oben waren. Ein junges Mädchen ruft mir zu: "Es ist hart, aber oben ist dafür eine super Stimmung. Voll Party!". Das letzte Stück ist Asphalt und endlich ist der Pyramidenkogel bezwungen. Ich genehmige mir zwei Becher heiße Suppe und ein Stück Dinkelbrot dazu, fülle meine Trinkflasche an und werde von einer der Helferinnen an der Labestelle angesprochen, wie es mir gefällt. Es ist die junge Frau von der Anmeldung, die gestern mein Hin und Herüberlegen bezüglich der Ummeldung auf eine der kürzeren Strecken begleitet hat. Ich strahle sie an, erkläre ihr, wie froh ich bin, dass ich mich nicht umgemeldet habe. So wunderschön ist die Strecke. Keinen Kilometer hätte ich versäumen wollen. Sie lacht. Als sie mich fragt, ob ich gestürzt sei, bemerke ich, dass ich noch immer völlig verdreckt von meiner Aktion an der Schlüsselstelle bin. Ich versuche vergeblich, den Schmutz herunterzuklopfen, resigniere dann und mache mich achselzuckend wieder an den Abstieg. Hinter mir ruft gerade noch rechtzeitig ein anderer Läufer, dass ich wieder links in den Wald muß. Beinahe wäre ich am Asphalt weitergelaufen. Ich bin froh, wieder weichen Waldboden unter meinen Sohlen zu haben und nur wenige Kurven später steht eine Tafel "noch 15 Kilometer". Das bedeutet ja, dass ich bereits einen Marathon hinter mir habe, denke ich mir. Und bin verblüfft. Nicht von meiner Zeit (die ist für Straßenverhältnisse ein Fall für den Besenwagen) aber davon, dass ich kaum gemerkt habe, wie weit ich schon gekommen bin.

Da ich weiß, dass die letzten Kilometer auf reinem Asphalt verlaufen, genieße ich jetzt jede Wurzel und jeden Stein doppelt. Ich spüre den federnden Waldboden unter meinen Sohlen und - halt - einen Stein im Schuh. Kurz bleibe ich stehen, schnüre meine ASICS auf und schüttle sie aus. Nicht nur ein Stein, sondern eine kleine Schutthalde fällt aus dem linken Schuh. Merkwürdig, das hab ich kaum gemerkt. Auf der Straße hätte mich ein einziges dieser Körnchen im Schuh schon wahnsinnig gemacht. Erkenntnis Nr. 3: Im Gelände sind Steinchen wirklich nur Steinchen. Und machen sich nicht gleich massiv im Schuh bemerkbar.

Die vorletzte Labestelle befindet sich wieder mitten im Wald. Es gibt kurz vorher wieder einen Haargummi übers Handgelenk. Aha, Checkpoint. Und neben Wasser und Iso auch Red Bull Cola. Irgendwie passt das genau zu dem Lauf in Mutter Natur. Das Cola ohne Farb- und Konservierungsstoffe mit seinen vielen Gewürzen, das mit dem gummibärchenartigen Energydrink genau NIX gemeinsam hat. Ich trinke einen Becher des zimtlastigen Colagetränks und mache mich auf die allerletzten Kilometer im Gelände. Als ich auf die Straße hinaus muss, bin ich richtig enttäuscht.

Die letzte Labestelle. Ich treffe zwei deutsche Läufer, die sich köstlich mit den Helferinnen unterhalten. An der nächsten Steigung mache ich für einen jungen Mann Platz, der es eiliger zu haben scheint als ich. Er spricht mich an, ob ich mit ihm mit laufe, er will unter 7 Stunden ins Ziel kommen. Ich kann mein Tempo nicht mehr allzu stark erhöhen und sage ihm ab, wünsche ihm aber alles Gute und rufe ihm ein inniges "Du schaffst es!" hinterher. Nach drei Kilometern kämpft er vor mir mit seinen letzten Reserven. Ich laufe neben ihm, will ihn motivieren, wie er mich vorher motivieren wollte. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Tank leer ist und lasse ihn in Ruhe, wir werden es so oder so beide unter 7 Stunden ins Ziel schaffen. Aber langsamer kann ich jetzt auch nicht mehr. Die Ungeduld treibt mich nach vorn.

Neben dem Lendkanal geht es entlang. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie die Triathleten da immer durchschwimmen, das Wasser zu kochen scheint von den vielen wirbelnden Armen und Beinen. Jetzt liegt der Kanal ruhig und still in der seit wenigen Minuten erst aus den Wolken getretenen Sonne. Ein junges Pärchen sitzt am Ufer, blind für die vorbeikeuchenden Läufer und versucht, sich mit einem Photohandy selbst zu knipsen, sein Glück auf digicard festzuhalten.

Die letze Kurve vor dem Ziel. Ich höre den Sprecher, die Musik, einige Leute klatschen, jemand spricht mich an, ruft "lach für mich, Polizistin" und ich schaue in die Richtung. Ein Bekannter? Woher? Ich kann das Gesicht nicht erkennen, weil es hinter dem Fotoapparat verborgen ist. Später werde ich über facebook erfahren, dass es Friedrich Jeklin war, den ich vom 100-Kilometer Kraftlauf her kenne.

Der Zielbogen liegt vor mir, ein Pärchen in Trachtenkleidung quert seelenruhig vor mir die Strecke. Ich wundere mich, dass ich so langsam zu sein scheine, versuche noch ein letztes Mal zu beschleunigen und drehe mich nach dem Zielbogen zur Zeitnehmung um. 06:56:22 Stunden steht da. Ich taumle kurz, weil mir genau in dem Moment von einem der Mädchen die Finishermedaille umgehängt wird, als der junge Mann das Ziel erreicht, der mich zum Mitlaufen aufgefordert hat und ich mich auch nach seiner Zeit umsehe. Locker unter 7 Stunden. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Er nickt mir zu, sprechen kann er noch nicht.

Ich gehe in Richtung Campingplatz davon, um endlich den Schmutz von meinen Armen und Beinen waschen zu können.

Am Campingplatz erinnert mich eine andere Läuferin daran, den Chip abzugeben. Stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht!

Als ich meine Sachen aus dem Auto hole und zu den Waschräumen gehe, merke ich, dass die Schmerzen wesentlich weniger geworden sind. Auch was Neues. Mit brutalen Schmerzen starten und mit nur noch leichten Schmerzen ins Ziel kommen.

Mal sehen, wie sehr ich morgen leide.

Meine tatsächliche Zielzeit war 06:56,20 Stunden, damit wurde ich Siebente in meiner Altersklasse. Tagesbestzeit bei den Damen lief Ulli Striednig. Und auch die Pyramidenkogel Wertung hat sie klar für sich entschieden. Respect!

Trailrunning macht Spaß. Ich werde in Zukunft öfter offroad starten. Erkenntnis Nr. 4: Ich muß mir jetzt richtige Trail Running Schuhe kaufen. Mit den ASICS Triathlon Schuhen, das geht gar nicht.

8.10.11 19:21
 


bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Wesergebirgsläufer / Website (8.10.11 20:37)
Was für ein schöner Laufbericht. Ganz toll, freue mich riesig für Dich. Super, einfach genial.
Ganz liebe Grüße aus dem Weseerbergland.


Laufmauselke / Website (8.10.11 21:57)
Irgendwie ist mein Kommentar an der falschen Stelle gelandet, aber Du wirst ihn finden, und richtig zuordnen, hoffe ich.:-)
Ich bewundere Deine Leistung sehr.
Liebe Grüße
Elke


Laufmauselke / Website (8.10.11 22:01)
Ich hab ihn wieder gefunden :-) Hier ist er:
Das ist ja ein herrlich mitreißender Laufbericht. Es macht richtig Lust auf Trailrunning. Ich habe da auch noch einiges vor. Du hast mich hiermit hoch motiviert, nach solchen Läufen Ausschau zu halten.
Schade, das ich so weit weg wohne. Ich liebe die Berge.
Herzlichen Glückwunsch, Du hattest einen tollen Lauf.
Vielen Dank für´s Mitnehmen.
Liebe Grüße
Elke


Siegi (12.10.11 07:36)
hallo katzie, ein absolut toller bericht, und mich wundert's nicht, dass du mal über die strecke hinausschiesst, bei dem tempo, dass du abwärts drauf hast (war dabei, als du indy abgehängt hast, er ist dann mit mir gemeinsam ins ziel gekommen)...

lg siegi


Sepp (15.10.11 23:47)
Klasse Birgit,
ein Laufbericht, so mag ich das.
Diesen Lauf werde ich dann mal auf eine bestimmte Liste schreiben.
Dank Deiner Beschreibung muss ich da wohl hin.
Glückunsch Birgit!

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