leben, laufen, und NEIN, ich kenne den Herrn Lugner nicht persönlich!!!
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6stundenlauf in Wals 2009

Zum Thema:

 

Es klingt nicht besonders aufregend, sechs Stunden lang im Kreis zu rennen. Eine Runde mit etwas mehr als 1400 Metern bietet spätestens nach drei Stunden keine Überraschungen mehr, so denkt sich derjenige, der dem Ultralauf Virus noch nicht erlegen ist.

Noch weniger spannend scheint es zu sein, jemanden zu betreuen, Neudeutsch: coachen, der vorhat, sechs Stunden lang im Kreis zu rennen. Das erinnert ein wenig an den Scherz: was ist langweiliger als Angeln? Jemandem beim Angeln zuzusehen!

Am 04. April 2009 war es in Wals bei Salzburg wieder soweit: Klaus Spielbüchler und seine Mannen (und Damen) vom HSV Trendsport luden wieder zum „6-Stunden für ein Kinderlachen“ Lauf ein. Und viele folgten dem Ruf. Dieses Jahr ging der Erlös an die "SOSCH Salzburg", also die Sonderschule für körperbehinderte Kinder.


 

In eigener Sache

 

Bereits am 03. April 2009 machte ich mich mit meinem fast neu erworbenen Auto auf nach Wals. Wie auch voriges Jahr sicherte ich mir erst einen Platz am Panoramacamping – was allerdings nicht so schwierig war, denn dort herrscht momentan Baustelle und es ist nicht Jedermanns Sache, sich mit dem Toilettenbeutel zwischen herumkurvenden Baggern und Betonmischmaschinen durchzuschlängeln. Ich fand einen aussichtsfreien Platz hinter den Bäumen zwischen einer Betonmischmaschine und dem uralt Mercedes eines der Bauarbeiter und hoffte, dass mein Auto sich keinen Flugrost einfangen würde.

Dann war es endlich 17:00 Uhr und ich konnte meine Startnummer vor dem Eingang der Schwarzenbergkaserne abholen. Die Nummer 120 sollte diesmal meine Glückszahl sein. Schon an der hohen Nummer hätte ich erkennen können, dass im Vergleich zum letzten Jahr ein ordentlicher Teilnehmerzuwachs stattgefunden hatte. Aber auf so Kleinigkeiten achtete ich nicht, sondern war erst einmal damit beschäftigt, wie immer voller Spannung die Goodies aus dem Startsackerl zu inspizieren. Diesmal gab es eine putzige Probepackung von Recheisnudeln, Kugelschreiber, Proben von Fußcreme und Sonnencreme und eine Trinkflasche sowie einen Portionsbeutel eines Sportgetränkes italienischer Herkunft. Dazu jede Menge Infomaterial über kommende Veranstaltungen des Laufsports und ein Laufsportmagazin. Im Anschluss an die Startnummernabholung begab ich mich auch heuer wieder in das der Kaserne gegenüber liegende Einkaufszentrum und quälte nebenbei meinen Vater, der zugesagt hatte, mich beim Wettkampf zu betreuen, mit ebenso zahl- wie sinnlosen Telefonanrufen. Irgendwie war ich ziemlich unkonzentriert und mein Vater bewies erstaunliche Langmut beim Beantworten meiner Telefonate.

Meine Nervosität hatte einen bestimmten Grund, denn ich hatte vor knapp zwei Monaten beschlossen, etwas gegen meine winterliche Leibesfülle zu unternehmen und in nur sieben Wochen sieben Kilo abgenommen. Nur war ich nicht ganz sicher, wie viel davon wirklich an Fett und wie viel an Muskelmasse verloren gegangen waren. Bei manchen Laufrunden hatte ich mich in letzter Zeit äußerst schlapp und kraftlos gefühlt und den Halbmarathon in Graz hatte ich aus diesem Grund sausen gelassen, denn ich war der Meinung, noch nicht ganz auf Wettkampfniveau zu sein. Den 6stundenlauf in Wals wollte ich mir aber dennoch nicht entgehen lassen, hatte aber bereits in einem Gespräch „von Frau zu Frau“ meiner Mutter gegenüber zugegeben, dass mir die Gewichtsabnahme wichtiger sei, als die 2008 in Wals geschaffte 58 Kilometermarke zu übertreffen.

Nun denn, der Abend senkte sich über die Baustelle am Campingplatz und nachdem die Bagger kurze Zeit noch mit Scheinwerfern gearbeitet hatten, war gegen 22:00 Uhr endlich Stille eingekehrt. Ich las noch etwas, um meine Augenlider schwer zu machen und schlummerte dann erstaunlich friedlich ein. Weniger friedlich verlief das Aufwachen um kurz nach 06:00 Uhr, als die ersten Bauarbeiter fröhlich grölend ihren Arbeitstag begannen.

Der große Tag

 

Um 08:00 Uhr treffe ich in der Schwarzenbergkaserne ein und stelle mein Auto ab, um für unseren Verpflegungsstand auf der Laufstrecke ein passendes Plätzchen zu finden. Es ist  kalt und der Himmel bedeckt und ich ziehe mir zur Sicherheit noch eine Extraschicht Kleidung über. Auf der Wiese hinter den spärlichen Bäumen, die den Parkplatz von der freien Fläche trennen, stehen ein paar Rehe und mampfen unbeeindruckt Gras, obwohl schon etliche Leute hektisch herumwuseln. Scheinbar wissen die Rehe, dass ihnen hier im Kasernengelände nichts passieren kann, obwohl sich rundherum jede Menge bewaffnete Menschen befinden.

 

Noch bevor ich mich für einen Platz entscheiden kann, kommt auch mein Papa mit Gerald, von allen „Geri“ gerufen, die zusammen erst am Morgen in Judenburg losgefahren waren. Geri wird auch laufen, Papa wird uns beide betreuen. Kurze Beratung über den besten Platz, dann übernimmt mein Vater das Kommando, immerhin hat er genug Erfahrung mit Wettkämpfen und speziell auch mit Ultradistanzen. Ein Tisch, drei Sessel, ein Sonnenschirm. Für jeden Läufer eine eigene Schachtel mit all den Trink- und Esssachen, Sonnencreme, Reservekleidung, Küchenrolle und weiß der Deibel was noch alles. Im Falle des Falles muss alles Gewünschte sofort zur Hand sein.

Ich ziehe mich noch etwas ins Auto zurück, wo ich mich in das noch vom Aufstehen zerwühlte Bett einkuschle und Papa setzt sich vorn auf den Beifahrersitz, um mit mir die wichtigsten Punkte für den Lauf durchzusprechen.

Um 09:30 Uhr ist die offizielle Wettkampfbesprechung. Ich verbinde den Weg dorthin gleich mit dem vorletzten Gang zur Toilette, danach sind noch die letzten paar Handgriffe für den Lauf fällig. Einschmieren der Füße mit dem Mittel gegen Blasenbildung, Hirschtalg an alle Stellen, an denen die Kleidung scheuern kann, Kontrollfragen von Papa, wie: „Hast Du Dich ordentlich eingeschmiert? Die Jacke ziehst Du vor dem Start aber noch aus, oder? Hast Du Sonnencreme mit? Brauchst Du noch irgend etwas Spezielles?“ und meine Antworten „Ja, hab ich, ja zieh ich aus, hab ich mit und Nein, ich habe alles glaube ich“

Pünktlich um zwei Minuten vor 10:00  Uhr laut meiner Nike Uhr quiekt das Startsignal, auch heuer wieder eine Sirene mit Gaspatrone. Alle rennen los, manche überpacen hier das erste Mal so gründlich, dass sie den Rest des Laufes davon zehren werden. Ich habe mich ziemlich weit hinten aufgestellt, ziemlich gleich wie voriges Jahr. Ich trage auch dieselbe Nike Laufhose, meine CEP Kompressionsstrümpfe und die Nike Laufschuhe, also vom Gürtel abwärts völlig gleich wie 2008. Nur das Shirt habe ich dieses Mal vom 3-Stunden Lauf in Grafendorf und die Ärmlinge vom Wildoner Radmarathon, diese Oberbekleidung hat in Florenz gute Dienste getan. MP3 Player habe ich heuer keinen, schließlich will ich die Kommentare von Papa ja hören. 

Es dauert heuer etwas länger, einen Rhythmus zu finden, weil es viel mehr Teilnehmer gibt als voriges Jahr. Die Staffelläufer sind schon weit voraus geschossen und als ich das erste Mal auf der Begegnungsstrecke auf die andere Seite schaue, laufen dort schon die ersten wieder zurück. Sind die schnell! Als ich das erste Mal an Papa vorbeikomme, macht er eine begütigende Geste und bedeutet mir so, ich sei zu flott unterwegs, solle etwas Tempo rausnehmen. Das kann ich nicht so einfach befolgen, denn ich muss mein eigenes Tempo erst finden. Außerdem weiß ich ja nicht, wie lange ich überhaupt durchhalten werde. Voriges Jahr war ich nicht so nervös, denn da hatte ich keinerlei Vergleichsmöglichkeiten. Jede Premiere hat den Vorteil, dass man noch keinen einzigen Fehler gemacht hat und alles so schön neu ist. Beim zweiten Mal hat man schon eine kleine Liste im Kopf, was man unbedingt vermeiden möchte.

Dieses Jahr hatte ich zumindest ursprünglich den Ehrgeiz, wenigstens ein kleines Stückchen weiter zu laufen als 2008. Vom Überschreiten der 60-Kilometer Marke getraute ich mich nur ganz, ganz geheim zu träumen. Ein hartnäckiger Schnupfen hatte mich im Training zusätzlich behindert und als  im Februar in Graz schon so warmes Wetter war, wusste ich wirklich nicht, ob meine Nase noch von der Erkältung her tropfte oder schon wegen meines Heuschnupfens. Hallo, Esche, willkommen Eibe und all ihr Frühblüher….!

Gleich bei der ersten Musikbeschallung freue ich mich über meinen Entschluss, „unverstöpselt“ zu laufen, denn da dröhnt „All summer long“ von Kid Rock, das ich schon von Weitem an den „Sweet home Alabama“-Riffs erkenne aus den Boxen. In den folgenden Runden stelle ich fest, dass derjenige, der die Musikauswahl getroffen hat, eine Affinität zum Thema „Leben“ hat, denn es finden sich „Life is live“ von DJ Ötzi intoniert, „It´s my life“ von Dr. Alban und mehrmals ruft mir der Sänger Scooter „welcome Pussies“ entgegen – die Lieder wiederholen sich nämlich ständig, was mir ziemlich schnell auffällt. So habe ich Zeit, darüber zu philosophieren, dass die gesetzliche Vorgabe des „Verbot der öffentlichen Aufführung“ hier sicher eingehalten wäre, immerhin befinden wir uns in einem umzäunten Bereich, den kein Unbefugter betreten kann, das Kasernengelände wird ja sehr gut abgesichert. Man könnte also sagen, dass wir hier eine Art geschlossene Veranstaltung haben und da wäre es AKM-Rechtlich sicher kein Problem, beliebig Musik zu spielen.

Langsam verziehen sich die Wolken und immer öfter kommt die Sonne durch. Einige Läufer sind schon kurzärmelig und kurzbehost unterwegs und auch ich spiele das erste Mal mit dem Gedanken, die Ärmlinge abzustreifen. Aber als ein leichter Wind aufkommt, verwerfe ich diese Idee schnell wieder. Erst als der Himmel schon fast wolkenlos ist, sehe ich ein, dass es jetzt nicht mehr so leicht abkühlen wird und gebe meinem Papa die Ärmlinge. In der nächsten Runde wartet er mit einem Riesenberg Sonnencreme (wasserfest, Schutzfaktor 30) auf mich und ich werde bis zum Ziel noch weiße Streifen auf der Haut haben. Das weiß ich jetzt aber noch nicht, als ich mir die überreichliche Menge Sonnencreme auf Gesicht, Armen, Schultern und Nacken verteile. Noch glaube ich, dass die überschüssige Creme irgendwann einziehen würde. Naja, aber zumindest war ich super geschützt. Andere Läufer waren bereits um 14:00 Uhr krebsrot und liefen unbeeindruckt oben-ohne weiter. Den Dermatologen ihres Vertrauens wird es gefreut haben…

Das Coaching von Papa funktioniert absolut perfekt. Jede zweite Runde reicht er mir eine kleine Trinkflasche. Wir haben zwar eine Art „Trinkplan“ besprochen, aber im Endeffekt bringe ich nur hin und wieder meine Sonderwünsche ein, ansonsten lasse ich mich vom jeweiligen Geschmack überraschen. Einmal reicht er mir ein rosarotes Getränk und das schmeckt so gut, dass ich am liebsten „mehr davon“ geordert hätte. Da mein Magen in der Früh etwas gekrampft hat, fürchte ich mich schon richtig vor dem ersten Powergel. Das sollte ich nach rund 2 Stunden Laufdauer bekommen, so war es ausgemacht. Aber schon vorher hält mir mein Vater den ausgestreckten Zeigefinger entgegen, auf dem ein daumennagelgroßes Etwas klebt. Ich nehme das Ding entgegen und stecke es mir skeptisch in den Mund. Es ist ein Stück Müsliriegel und ich kaue dankbar. Ja, das schmeckt hervorragend, auch wenn ich mir nur wenige Minuten später ein Stück Zahnseide wünsche, denn ich habe für ein etwas größeres Körnchen einen passenden Zahnzwischenraum gefunden und man kennt das ja: das nervt dann so, dass man ständig versucht, mit der Zunge und unter zu Hilfenahme des Fingernagels das Übel zu beheben.

Nach dem ersten Powergel fühle ich mich sehr gut, aber die Angst sitzt mir immer im Nacken. Wer ein Erlebnis hinter sich hat wie meine Dixie-Klo-Safari beim Vienna City Marathon, der vertraut wahrscheinlich nie mehr seinen Innereien so richtig. Das Powergel ist mit Vanillegeschmack und äußerst flüssig. Die enormen Konsistenzunterschiede der Powergels wird mir ewig ein Rätsel bleiben, denn die scheinen von der Außentemperatur weitestgehend unabhängig zu sein.

Nach einer von mir geforderten Runde Wasser in der Trinkflasche, folgt eine Trinkflasche mit hellgelbem Inhalt. Ich tippe aufgrund der Farbe auf Isostar, aber der Geschmack passt so gar nicht dazu. Bäh, ist das ekelig. Es schmeckt süßlichschleimig und ich trinke wirklich nur ein paar Schlucke, weil ich extrem durstig bin, dann gebe ich die Flasche wieder zurück und beschwere mich bei Papa „das is ja UR-grauslich!“, was bei ein paar zufälligen Zuhörern zu einem Heiterkeitsausbruch führt. Als ich weiterlaufe, merke ich jedoch, dass der grauenhafte Trank meinem Magen sehr behagt hat und der sich erstaunlich friedlich verhält. Beinahe verdächtig friedlich, denke ich mit unangebrachtem Pessimismus.Überhaupt scheint mein Papa besser zu wissen, was ich brauche und benötige, denn in regelmäßigen Abständen hält er mir Verpflegung hin, noch ehe ich selbst das Bedürftnis danach verspüre. Und jedes Mal komme ich dahinter, dass genau dieser Energieschub goldrichtig war.

Dietmar Mücke ist heuer in gewohntem Outfit unterwegs mit grüner Hose, gelbem Shirt und roter Perücke. Er ist mit einem Band mit einem blinden Läufer verbunden und läuft auch dieses Jahr die ganze Strecke barfuss. Da er dem blinden Läufer das Sehvermögen ersetzen muss, ist er die ersten Runden ziemlich beschäftigt, diesem den Streckenverlauf anzusagen. Da auch etliche Fahrbahnunebenheiten sind, ist das eine sicher verantwortungsvolle Aufgabe. Vier Kurven vor dem Start-Ziel Bogen stehen zwei Mädchen aus dem schönen Kärntnerland mit einer Kuhglocke und als Dietmar mit seinem Laufpartner dort vorbeikommen teilt er mit „Jetzt laufen wir wieder auf der Alm vorbei, Du hörst die Kuhglocken“. Nach ein paar Runden habe ich die Kurve mit den beiden Mädels zum „Cheerleader Corner“ umbenannt. Volle sechs Stunden lang den Läufern zujubeln und sie anzufeuern braucht auch eine ganze Menge Energie, Respect!

Um 13:00 Uhr startet der Kinderlauf. Es gibt Starter mit und ohne Handikap und ich finde es schön, zu sehen, wie manche der schwerbehinderten Kinder sich freuen, voll im Geschehen dabei zu sein. Ergreifende Bilder dieser Szenen gibt es hier: http://events2009.pics-for-life.com/gallery2/v/6Stundenlauf+Wals/5-Kinder+und+Jugend/

Ein super Gespräch habe ich auch belauscht, als ich mit meinem Powergel gerade ein Stück gegangen bin. Ein kleiner Bub steht mit seinem Vater am Streckenrand. Mücke läuft vorbei und der Vati teilt seinem Junior mit: „Schau, da läuft einer ohne Schuhe!“, worauf der Kleine auf den Läufer im Sprizzerol Shirt deutet und schreit: „Und der hier läuft ohne Haare!“ Super, ich musste echt schmunzeln. Der kahlrasierte Sprizzerol Läufer hat das wahrscheinlich gar nicht gehört, weil er viel zu schnell vorbeigefegt ist.

Irgendwann teilt mir mein Papa mit, dass ich momentan an dritter Stelle in meiner Altersklasse liege. Ein Irrtum wie sich später herausstellt, aber das werde ich erst bei der Siegerehrung erfahren. Ich laufe zügig vor mich hin und finde die Bronzemedaille ganz fein, immerhin hat es 2008 ja nur für die sprichwörtliche „Holzmedaille“, sprich den vierten Platz gereicht. Ich werde von der Führenden überrundet, was mich jedes Mal wieder beeindruckt, denn die Nummer 96, Kovacs Reka ist extrem flott unterwegs und schaut verdammt jung aus. Ist sie auch, so erfahre ich bei der Siegerehrung. Sie ist vier Jahre jünger als ich. Damit will ich nicht behaupten, ich sei auch noch sehr jung, aber im Ausdauersport sind die älteren Jahrgänge eindeutig stärker vertreten.

Diesmal hatte ich keinen Einbruch nach 5 ½ Stunden, es war mir kein einziges Mal nach „so, das wars jetzt, gemma Heim“, wenngleich ich diesmal schon nach zwei Stunden ein deutliches Zwicken an den Zehen spüre. Aber ich beschließe, dem keine Beachtung zu schenken, immerhin sind das die NIKE Schuhe, mit denen ich schon voriges Jahr die 6 Stunden in Wals gelaufen bin, den Vienna City Marathon und auch Florenz unter die Sohlen genommen habe und niemals auch nur eine winzige Blase an den Füßen davontrug. Der nächste Irrtum, wie sich später herausstellen sollte.

Plötzlich höre ich, wie der Sprecher bei meinem Start/Ziel Durchlauf ansagt, ich hätte soeben die 60-Kilometer Marke hinter mich gebracht. Und noch massenhaft Zeit bis 16:00 Uhr! Jubel, Freude, ich kann gar nicht sagen, was mich alles bewegt hat. Als mich eine Läuferin überholt, unterscheidet sich unser Lauftempo nicht wesentlich und ich bleibe somit ständig in ihrer Nähe. Mein Papa raunt mir zu, das sei meine Konkurrenz und stellt damit in den Raum, dass ich soeben auf Platz 4 zurückgereiht worden bin. Das veranlasst mich dann doch, meine Akkus noch einmal zu überprüfen und ich bleibe der Läuferin knapp auf den Fersen, während ich einen allgemeinen Systemcheck durchführe. Der aber leider ergibt, dass ich gut daran tue, das gewählte Tempo zu halten und ein Runners high nicht in Sicht ist, das mir vielleicht Flügel verleihen hätte können.

 

Als nur noch zehn Minuten zu laufen sind, packe ich die Keule aus. So, jetzt volle Power und ich kämpfe mich an der Läuferin vor mir vorbei. Sie hält ihr Tempo, während ich merklich anziehe. Ich merke, dass ich etwas keuche und spüre, wie mein Magen plötzlich anfängt zu rebellieren. Ruhe da unten! Mit zusammengebissenen Zähnen baue ich den Vorsprung aus, renne mit letzter Reserve, während ich spüre wie meine Innereien mir einen Systemabsturz androhen und der Muskelakku zu blinken beginnt. Immer wieder schaue ich auf meine Uhr, aber die Zeit beginnt plötzlich zäh dahinzutropfen. Das Gemälde von Dalí mit der schmelzenden Uhr steht vor meinem inneren Auge – aber nur auf einer Seite, denn auf der anderen Seite sehe ich innerlich eine Tankanzeige, deren Zeiger im tiefroten Bereich hängt.

 

Nur noch drei Minuten, nur noch zwei Minuten und plötzlich hege ich die Hoffnung, diese Runde noch beenden zu können. Ich renne, ich schwitze und ich keuche wie ein Esel, es ist mir egal. Ich will die Runde noch beenden. Noch eine Minute… aber da höre ich schon die Hupe. Ach ja, meine Uhr hängt ja drei Minuten nach! Ich stoppe fast an derselben Stelle, wo ich auch 2008 vom Geräusch der Hupe angehalten wurde.

 

Um meinen Kreislauf wieder etwas zu stabilisieren, gehe ich ein wenig quer über der Straße hin und her, setze mich kurz in den Schatten, stehe dann aber wieder auf, um noch etwas hin und her zu gehen. Mein Puls beruhigt sich überraschend schnell, der Magen ist so überrascht von der plötzlichen Unterbrechung, dass er gar nichts mehr dazu sagt und bis auf die stärker werdenden Schmerzen in den Zehenspitzen fühle ich mich nur ausgelaugt, was aber nicht sonderlich überraschend sein dürfte nach einer Belastung wie dem 6-Stunden Lauf.

 

Die Herren und Damen mit dem Messwagen kommen, meine Restkilometer werden eingetragen und ich spaziere etwas steif in Richtung Papa. Unterwegs bekomme ich noch ein Stiegl Bier, das mir wie ein Wink des Himmels erscheint. Nach all dem picksüßen Powergel und den Müsliriegeln reizt mich der Gedanke an einen Schluck Bier richtiggehend. Ich nehme einen tiefen Schluck, der aber so immens bitter erscheint, dass ich erschaudere. Im selben Moment kommt mir der Bierschaum aus der Nase. Ich trinke nie Bier und habe das Trinken aus Glasflaschen generell nie richtig gelernt. Vermutlich habe ich irgend etwas falsch gemacht, also nehme ich das Bier erst einmal mit, vielleicht kann ich es dann aus einem Becher trinken. Dazu kommt es dann aber nicht mehr, weil ich später absolut keine Lust mehr auf Bier habe, sondern nur von einem enormen Kaffeedurst geplagt werde. Ich denke, es hat sich ein Abnehmer für das Bier gefunden, nachdem ich es auf den Tisch der Labestelle gestellt habe.

 

Papa, Geri und ich räumen das Zeug von unserer Verpflegungsstation in den Bus, ich schnappe mir meinen Toilettebeutel und gehe mich duschen.

 

Unter der Dusche fällt mir auf, dass ich gar kein Haarshampoon mithabe. Seit ich die langen Haare nicht mehr habe, denke ich oft gar nicht mehr daran, dass ich überhaupt Haare habe, scheint mir. Eine nette Mitläuferin gibt mir von ihrem Haarshampoon und etwas später muss ich noch einmal jemanden um eine Haarbürste fragen, denn auch die habe ich vergessen.

 

Dann gehe ich erst einmal einen großen Kaffee holen. Da es nur kleine Becher gibt, nehme ich gleich zwei und leere sie fast auf ex. Von meinem Papa bekomme ich noch seinen Kaffeebon und löse auch diesen ein. Danach geht es mir gleich um Klassen besser. Ich bin eine richtige Kaffeetante geworden. Die Kuchen reizen mich momentan noch nicht, mein Magen gibt gerade so schön Ruhe, ich will ihn nicht unnötig provozieren.

 

Bei der Siegerehrung rechne ich fix mit meinem 3. Platz.

Als die Altersklasse „W30“ aufgerufen wird und die Bronzemedaille an eine andere Läuferin geht, bin ich noch nicht beunruhigt. Immerhin habe ich ja gegen Schluß noch einmal überholt, wahrscheinlich bin ich Zweite. Dann wird die Silbermedaille vergeben, aber nicht an mich. Ich werde unruhig. Hoppla, haben die mich vergessen? Bin ich vielleicht durch einen Anmeldefehler meinerseits in einer falschen Altersklasse gewertet worden? Papa und ich schauen uns fragend an. Plötzlich höre ich meinen Namen. Wie denn? Ich bin ERSTE??? Während ich nach vorne gehe um meinen Preis entgegenzunehmen, wirbelt in meinem Kopf alles durcheinander. Ich bin ERSTE in meiner Klasse, mit gelaufenen 63,215 Kilometern, Wahnsinn! Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd und freue mich unglaublich.

Dann gehe ich ans Kuchenbuffet und belohne mich für den unerwarteten Sieg mit einem riesigen Stück Marillenschlangl. Aber ohne Kaffee dazu, den hatte ich ja schon.

 

Auf dem Nachhauseweg bin ich grade erst dabei, meine tolle Platzierung zu verarbeiten. Papa fährt bei mir im Auto mit und auf der ganzen Fahrt besprechen wir den Lauf und ob ich nun beim Ultra Lauf Cup mitlaufen sollte.  Irgendwie wäre das toll, aber dann kann ich in Wörschach natürlich nicht die 12 Stunden laufen, das würde mit den drei 6-Stunden Läufen und dem Frauenlauf doch etwas viel werden. Der Vienna City Marathon ist aus diesem Blickwinkel ohnehin aus der Liste gefallen, ich möchte ja Prioritäten setzen. Aber den Frauenlauf werde ich mir nicht entgehen lassen, diese Veranstaltung mag ich einfach wegen der Stimmung (und weil ich zu der Zeit heuer ohnehin in Wien bin).Auch die Frage, ob der Gewichtsverlust kontra- oder überaus produktiv gewesen ist haben wir ausdiskutiert, kamen aber zu keinem wirklichen Ergebnis.

 

Nachtrag:

Die Gesamtsiegerin der Frauen, KOVACS Reka hat als Starterin in der Damen Hauptklasse gewaltige 74,275 Kilometer zurückgelegt. Der Gesamtsieger der Herren, GRATZL Karl (M40) lief in der selben Zeit 78,671 Kilometer

 

Unfassbarerweise habe ich mir in meinen NIKE Laufschuhen zwei dicke Blutblasen gelaufen und gleich drei (!!) Zehennägel haben mir ihre Freundschaft aufgekündigt. Keine Ahnung, warum das passiert ist, dabei habe ich alles genau so gemacht wie bei den anderen Läufen auch.

Wie gewaltig die Leistung für mich eigentlich war, die Differenz der gelaufenen Kilometern von 2008 auf 2009 – fast fünf Kilometer – in 6 Stunden hereinzulaufen, ist mir erst einige Tage später klar geworden. Muskelkater hatte ich bis Mittwoch, mit den drei beleidigten Zehennägeln werde ich noch eine ganze Weile Spaß haben, bei einem Nagel hat sich inzwischen das Nagelbett böse entzündet, außerdem hat die Firma Compeed ein gutes Geschäft mit mir in der Artikelklasse „Blasenpflaster“ gemacht.

 

Nächster Termin ist in Vogau am 16.Mai 2009, wo ich die 6 Stunden Disziplin laufen werde. Und mich auch diesmal wieder auf das perfekte Coaching von meinem Papa verlassen kann. Mercí schon jetzt!  Es gäbe in Vogau auch eine 12 Stunden Distanz, aber eines habe ich gesehen: 6 Stunden reichen mir momentan völlig!

 

Übrigens kam mein Papa ganz schön in Stress beim "coachen", denn er hatte sich zum Ziel gesetzt, die Rundenzeiten von Geri und mir lückenlos zu notieren, nebenbei noch eine ganze Speicherkarte voller Fotos mit der Digicam zu schießen und dann noch die diversen Sonderwünsche von Geri und mir zu erfüllen (Getränk zu süß/zu sauer/zu warm oder einfach: mehr davon). Soviel also zu Thema: langweilig, bei einem 6-Stunden Lauf zuzuschauen...

Papa war übrigens mächtig stolz auf mich und hat immer wieder betont, wie toll er es fand, dass ich nicht nur die 60-Kilometer Marke geknackt habe, sondern auch die Renneinteilung genau richtig getroffen habe. Ich kann hier nur noch einmal betonen: ohne einen so guten Coach, der die komplette Versorgung perfekt managt, wäre das sicher nie und nimmer möglich gewesen!

28.2.05 17:13
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


nordläufer / Website (13.4.09 14:04)
Vielen Dank für den schönen Bericht. Ich muss ja zugeben, dass ich so einen 6 h Lauf immer noch nicht richtig für mich vorstellen kann. Mir reicht es immer schon wie ich mich nach einem Marathon fühle.

Viele Grüße
Ralf


Küstenrennmaus / Website (18.5.09 14:40)
Mensch, welch packender Bericht. Ich will im Herbst den ersten 6 h Lauf (Gezeitenlauf) angehen und habe ganz interessiert Deine Erfahrungen in mich aufgesogen.

Herzlichen Glückwunsch zu der enormen Verbesserung und dem sensationellen Platz.

Liebe Grüße von der Küstenrennmaus

PS Das Foto mit der Krone wurde in Trondheim vor dem Dom aufgenommen, in dem die norwegischen Könige gekrönt werden.

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