leben, laufen, und NEIN, ich kenne den Herrn Lugner nicht persönlich!!!
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Frauenlauf 2017: Wer nichts erwartet, kann nur positiv überrascht werden!

Eigentlich habe ich diesmal ganz schön viel falsch gemacht. Aber andererseits wieder, bedingt durch doch schon einige Jahre Lauferfahrung, eine ganze Menge richtig gemacht und im Endeffekt stimmt damit wohl das Verhältnis wieder.

 

Die Vorgeschichte (wie immer gibt's eine) 

Begonnen hat es eigentlich schon im Winter 2016/2017: Nachdem ich noch immer an meinem Fersensporn am rechten Fuß herum laboriere, habe ich es Anfang Dezember geschafft, mir zum Ausgleich den Vorfuß auf der linken Seite zu brechen. Somit war jeden Morgen die Frage: "Was tut heut mehr weh?", damit ich wußte, mit welcher Seite ich humpeln sollte. Trotzdem war ich - mit bequemen Sicherheitsschuhen, die vorn im verletzten Bereich eine Stahlkappe haben - brav mit meiner Freundin beim Nordic Walken. Karin ist eine Vollblutsportlerin und wenn sie etwas macht, dann gleich so richtig. Unsere Walkingrunden waren nie kürzer als 15 Kilometer und immer in sehr zügigem Tempo. Die besten Voraussetzungen also, dass der Bruch in Ruhe verheilen konnte. *Sarkasmusmodus off*

Am 21. Februar 2017 war mir dann klar, dass ich langsam vom Walkingmodus wieder in den Runningmodus kommen musste, denn das "12-Wochen-Programm für den Österreichischen Frauenlauf" landete in meiner Mailbox.

Mein Diätprogramm hatte ich bereits am Anfang desselben Monats endgültig in die Tonne getreten, denn gute Laune und schlechtes Essen lassen sich in meinem Universum leider nicht vereinbaren. Und gutes Essen existiert bei mir nur im höherkalorischen Bereich. Die Waage zeigte immer knapp unter 70 Kilogramm an und damit lag ich 10 Prozent über meinem "Kampfgewicht", mit dem ich mich beim Laufen wohl fühle. Das Tempo litt unter dem Mehraufwand, den es kostet, so viel Mensch über die Strecke zu transportieren und ich litt ebenfalls. Aber "das wird schon noch" dachte ich mir. Wohlgemerkt, Ende Februar. Wo andere Laufsportler schon in den langen Läufen für die Vorbereitung der Frühjahrsmarathons sind. Ich druckte mir den 12-Wochen Plan für eine Zielzeit von 55 Minuten aus, nachdem ich alle Pläne kurz überflogen und mit meinem aktuellen Zeitbudget verglichen hatte.

Am 08. März meldete ich mich für den Frauenlauf an. Von den Trainingsplänen bis dahin umgesetzte Trainings: Null

Aber ich hatte ja noch fast drei Monate Zeit. 

Zu Ostern habe ich mir dann ein nagelneues Carbon Rennrad geleistet. Nicht, weil ich so ein Rennradprofi bin, aber mein altes Rad hat 20 Jahre lang treue Dienste geleistet und war von Anfang an ein Fehlkauf, was die Geometrie anging. Das hat mich nie so besonders gestört, denn exrem lange Strecken fuhr ich damit ja nie, aber beim Wintertraining auf der Walze habe ich dann öfter gemerkt, dass ich kaum mehr vom Rad kam, sobald ich etwas länger gekurbelt hatte. Das neue Rad passte von der Geometrie her perfekt und ich bin sogar bei wirklich unfreundlichem Wetter gefahren, weil es einfach so viel Spaß machte. Weniger spaßig war dann allerdings das häufige Reifenwechseln, denn im Frühjahr liegt in Graz und Umgebung noch so viel Streusplitt auf der Straße, dass man sich einen platten Reifen nach dem nächsten einfährt.

Am 23. April fand der Vienna City Marathon statt und ich dachte nur: Wow, die sind alle schon voll im Training. Aber bis zum Frauenlauf ist es noch über ein Monat.

Das Gewicht stagnierte, ich war zwei- bis dreimal pro Woche für 10 Kilometer laufen und wenn ich am Berg war, dann habe ich meine altbekannte 8-km Strecke in Angriff genommen. Die Höhenmeter sind dieselben geblieben, aber irgendwie brauchte ich in diesem Frühjahr merklich länger hinauf bis zu meinem Wendepunkt. Na gut, ich bin ja keine zwanzig mehr, irgendwann kommt der Einbruch eben. Man kann sich bekanntlich alles schönreden. Das Rennrad wurde geputzt und ins Wohnzimmer gestellt und für die Zeit nach dem Frauenlauf vertröstet, denn jetzt musste ich wirklich anfangen mit dem Lauftraining!

Der Frauenlauf rückte näher und inzwischen lief ich im Training konstante Zeiten zwischen 55 und 57 Minuten für die 10 Kilometer. Den Trainingsplan habe ich gleich nach dem Ausdruicken im Februar in eine Klarsichtshülle gesteckt, damit er nicht schmutzig wird und diese bis jetzt nicht wieder gefunden.

 

Endlich am Weg 

Am Abend des 19. Mai packte ich schließlich meine Sachen für den Frauenlauf, denn am Morgen des 20. Mai sollte es los gehen nach Wien. Wie immer Campingplatz neue Donau. Mir fiel ein, dass meine Klappmatratze ja in meinem Häuschen am Berg ist. Was nun? Die wesentlich dünnere Couchauflage musste als Ersatz dienen. Macht nichts, es ist ja schon warm (es war am Freitag wirklich extrem heiß gewesen und allein beim Hinuntertragen der Matratze aus dem zweiten Stock ins Auto hatte ich einen veritablen Schweißausbruch gehabt) - ich könnte ja eine der Decken aus dem Auto zusätzlich als Unterlage verwenden, wenn es zu hart zum Liegen ist.

Mein abendliches Telefonat mit Papa verlief in etwa so: "Mah, morgen geht's los und ich hab nix drauf. Das wird ein Desaster"

Papa: "Warts ab, siehst dann eh. Wunder gibt's halt keine."

Ich: "Heuer werde ich einfach nur teilnehmen. Die Atmosphäre genießen, den Inhalt des Startsackerls bewundern und nächstes Jahr wieder ernsthaft starten."

Papa: "Ja. Mach das. Siehst eh, wie es Dir geht. Wie´s geht, so geht´s."

Ich: "Ja, aber ich muss schon froh sein, wenn ich unter einer Stunde bleibe."

Papa: "Das ist so. Wunder gibt's keine. Du weißt das eh selber am besten." (Stimmt, das mit der Selbstsabotage hab ich super drauf!)

und so weiter... Ich gab zu, unter 55 Minuten laufen zu wollen. Der Papa hat dazu nur "Alles Gute" gesagt.  

Wie geplant ging die Reise dann am Vormittag des 20. Mai los und ich kam fast ohne gröbere Zickereien meines Autos zum Campingplatz. Dort stellte ich mich gleich auf den erstbesten freien Platz und ging zur Anmeldung, wo man mir sagte, dass der Platz tatsächlich noch frei und nicht reserviert sei. Ich zahlte gleich für die Übernachtung, damit ich nicht in der Früh noch den Stress mit dem Auschecken hätte.

Dann das normale Ritual des "Sesshaftwerdens" am Campingplatz. Kästen losschrauben und auseinanderschieben, DOKA Platten drüber, Bett machen. Fehler Nummer zwei: ich hatte keine Stecknüsse für das Losschrauben der Torx Schrauben meiner Campingmöbel mitgenommen. Was nun? Mit mehr als nur sanfter Gewalt schaffte ich es schließlich mit meinem Schweizermesser, die Haken an den nicht dafür vorgesehenen Seiten zu lösen und warf dann nur noch die Schlafauflage und die Decken lose über die Platten, denn ich hatte durch das Herumbasteln endlos Zeit verloren.

Dann machte ich mich auf in die "FRAUENLAUF CITY", um meine Startnummer zu holen. An der Abholstelle ging es wie gewohnt super fix, die Frauen und Mädchen dort waren alle fröhlich und freundlich und mit dem Kuvert mit der Startnummer ging es weiter zur Abholung des Startsackerls. Ich war stolz, dass ich heuer an meinen Pentek Chip gedacht hatte, voriges Jahr hab ich den ja Zuhause liegen gelassen und musste mir einen Leihchip besorgen. Ebenso wie das Startnummernband hatte ich diese Sachen heuer schon einige Tage vorher bereit gelegt.

Der Inhalt des Startsackerls war wie immer gewaltig und nach der Abholung des T-Shirts legte ich alles dekorativ auf der Wiese auf und fotografierte es, damit Papa das Bild einigen Bekannten zeigen konnte, denen wir vor Kurzem von den tollen Gegebenheiten beim Frauenlauf vorgeschwärmt hatten. Während ich das Foto machte, fragten mich einige andere Besucher der Frauenlauf City, was ich da mache. Ich erklärte es und im Endeffekt wurde meine "Frauenlauf-Goodie-Collage" von unzähligen Leuten fotografiert, die meine Idee cool fanden.

Anschließend war Herumschauen und Herumschlendern angesagt. Es gab viel zu bestaunen, so viele Aussteller hatten interessante Neuigkeiten. Dazu im Hintergrund die Musik und die Interviews, die auf der Bühne mit Top Läuferinnen und Sportmedizinern geführt wurden und die Zeit verging  wie im Flug.  Voll bepackt mit Infomaterial und schon etwas müde kaufte ich noch ein paar Sachen fürs Abendessen am Heimweg ein und dann bezog ich endlich ordentlich mein Auto inklusive Bettenmachen und Herrichten der Sachen für den nächsten Morgen.

Nach dem Abendessen lag ich auf dem Bett im Auto und habe bei offener Tür noch ein wenig gelesen und Sudoko gelöst, denn der zwischendurch bedrohliche Himmel war doch noch letzten herrlichen Sonnenstrahlen gewichen. Dass es langsam kalt wurde, merkte ich kaum, denn ich war von meiner Lektüre so gefesselt. Plötzlich donnerte und blitzte es und schnell machte ich mein Auto zu. Da merkte ich erst, dass mir ganz schön kalt geworden war. Ich wollte den Heizstrahler anwerfen. Aber - olé, es war ja so schön warm am Freitag - ich hatte das Ding in Graz gelassen. Brrr.... inzwischen ging draußen ein richtig schönes Unwetter nieder und der böige Wind brachte mein frei stehendes Auto gehörig zum Schaukeln. Auf dem Weg zur Toilette wurde ich trotz Schirm ziemlich nass. Und keine Möglichkeit, die nassen Sachen zu trocknen, weil der Heizstrahler ja... hm. Prima.

Kurz gesagt: es wurde eine wenig erholsame Nacht. Der Regen hat zwischendurch nur kurz aufgehört, mir war bitterkalt und da ich die Decken nun alle zum Zudecken benötigte, war die Liegefläche ziemlich hart. Als der Wecker am Morgen klingelte, fühlte ich mich  völlig zerschlagen. Mir war kalt und ich hatte link einen blauen Fleck fast über die gesamte Länge der Oberschenkelaußenseite, dessen Ursprung ich mir nicht so recht erklären konnte. 

Das Frühstück bestand aus Haferflockenporridge mit Kaffee. Meine Startzeit hatte ich mit 10:05 Uhr im Internet gelesen, es war sieben Uhr morgens und somit genug Zeit für meinen Magen, mit dem Kaffee fertig zu werden. Ohne Kaffee geht gar nichts momentan bei mir. Ich sollte wieder einmal ein paar Wochen auf Entzug gehen, aber damit werde ich bestimmt nicht an einem Wettkampftag beginnen.

Um kurz vor acht hatte ich gefrühstückt, mich für den Lauf angezogen und meinen Campingplatz geräumt und stellte mein Auto in der Nähe der U-Bahn Station ab, von wo weg ich zum Stadion fuhr. Am Vorabend hatte ich extra die Vöslauer Miniflasche, in der sich irgend eine neue Geschmacksrichtung befunden hatte, leer getrunken, um eine kleine Flasche zum Mitnehmen an die Startlinie zu haben. Ich bin ja absolut kein Freund von Plastikflaschen, aber meine Emil-Glasflasche konnte ich ja schlecht auf der Laufstrecke mitschleppen. Schon gar, wo ich ohnehin mein Handy die ganze Zeit in der Hand halten würde, da ich bis dato noch keine passende Oberarmtasche für mein neues Gerät gefunden hatte.

Aber natürlich habe ich die Flasche beim Mülltrennen am Morgen mit entsorgt. Was nun? Schweren Herzens entschloss ich mich, meine Reserveflasche zu opfern. Das ist auch 1-Liter Plastikflasche, die ich beim Campen manchmal benutzt hatte, um Brauchwasser zu transportieren.

Da es noch sehr kalt war, überlegte ich hin und her, wie ich meine Bekleidung wählen sollte. Ich hatte die Dreiviertelhose mit genommen, weil der pinkfarbene Einsatz an der Seite dem heurigen Frauenlaufshirt entsprach. Die Hose passt momentan nicht perfekt, aber das tut keine. So dehnbar sind auch Sportsachen nicht. Über die Laufhose zog ich meine normale Hose, über das Laufdress eine Trainingsjacke und darüber noch eine Softshell Jacke. Als ich aus dem Auto stieg, um zur U-Bahn Station zu gehen, war mir trotzdem kalt.

Beim Aussteigen schaute ein kleines Mädchen in mein Auto hinein und war ganz verblüfft, dort ein Bett zu sehen. Es wurde von seiner Mutter darüber aufgeklärt, dass ich wohl von dem Campingplatz sei und in dem Auto schlafe. Die beiden trugen Frauenlaufshirts, also war mir klar, dass sie in dieselbe Richtung gehen würden wie ich.

In der U-Bahn Station fiel die heurige Farbe des Frauenlaufshirts  nicht so auf, denn fast alle trugen warme Kleidungsstücke darüber. Am Stadionvorplatz wie immer grandiose Stimmung. Gleich beim U-Bahn Ausgang stand schon eine Samba Gruppe und die Trommler legten sich ordentlich ins Zeug, um mit ihrem Rhythmus den Schlaf aus den Vorbeigehenden zu trommeln. Bei mir funktionierte es recht gut und beschwingt schlenderte ich in Richtung Infopoint, denn ich hatte in den Startunterlagen gelesen, dass man irgendwo Frauenlaufshirts vergangener Jahre kaufen konnte und der Erlös dem Projekt Frauenhaus zu Gute kam. Ich wollte ein Shirt von 2010 haben, denn damals wäre ich wirklich, wirklich gern mitgelaufen, schon weil lila meine Lieblingsfarbe ist. Man teilte mir mit, dass die Shirts erst nach dem Lauf an den Shirtausgabestellen erhältlich wären. Okay, also wieder zurück. Ein Blick in die Zeittafel ergab, ich war fast zwei Stunden zu früh. Mein Start würde erst um halb elf erfolgen.

Wieder einmal hatte mich meine Nervosität viel zu früh in den Prater getrieben und ich könnte jetzt noch schlafen! Aber da ich mir zu helfen weiß, zog ich einen Karton aus dem Altpapiercontainer und setzte mich in einer ruhigen Ecke auf den Boden, um noch ein wenig zu chillen. Funktionierte nicht so besonders, aber ich fühlte mich trotzdem ein wenig erholt, als ich eine gute Stunde später den Weg zur Kleiderabgabe antrat.

Was sollte ich alles ausziehen? Es hatte zwar schon in der Nacht zu regnen aufgehört, aber der Himmel war nach wie vor bedeckt und es war - mit Verlaub gesagt - saukalt. Ich entschied mich dazu, trotzdem nur in Shirt und Laufhose zu starten, aber derweil einen Regenschutz überzuziehen, um wenigstens den lebhaften Wind abzuhalten. Brrrr.... echt kalt!

Für den Weg zum Start hatte ich genug Zeit. Eigentlich mehr als genug Zeit und so schlenderte ich dahin und musste bei der Erinnerung an das Jahr grinsen, wo ich nach massiven Problemen mit meinem Auto fast in den Startblock durchhinein gelaufen war, um noch rechtzeitig zu kommen. Diesmal hatte ich Zeit und Muse, die blühenden Kastanienbäume in der Prater Hauptallee zu betrachten, wo ich drei Wochen zuvor beruflich entlang marschiert war.

Ein letzter Besuch auf dem Dixie Klo. Genug Toiletten für alle, genug Klopapier - der Frauenlauf punktet mit Kleinigkeiten, die für uns Frauen aber echt wichtig sind. Und das Witzigste: nicht das graue, glatte Nullachtfünfzehn, sondern geblümtes Klopapier!  

Beim Startblock dann wie immer die Frage: VOR oder HINTER den Buchstaben aufstellen? Die Ordner wussten es auch nicht. Irgendwann meldete die stille Post: VOR den Buchstaben aufstellen. Okay.  

 

Der Lauf

Am Start das übliche Ritual: Selfie mit den anderen Läuferinnen im Hintergrund, Aufwärmen mit Alamande Belfor, der in einem Krankorb über uns die Übungen vorzeigte und uns vorher motiviert hatte, gemeinsam "Happy Birthday, lieber Frauenlauf" zu singen, der Moderation zuhören und mehrmals nicken. Ja, den Lauf gibt es schon seit 30 Jahren. Tolle Sache. Ja, früher waren laufende Frauen unüblich und ja, die Geschichte mit Kathrine Switzer beim Boston Marathon hab ich auch schon ein paar mal gehört. Dann wurden wie immer die Bundesländer abgefragt und bei "Wer ist aus der Steiermark?" hab ich mit den anderen Steirerinnen laut "Hier" gerufen und wurde gleich von einer Dame neben mir gefragt, von wo genau ich bin. Sie war aus Murau.  

Danach wurde der Donauwalzer in überwältigender Lautstärke gespielt und ich glaube nicht nur ich hatte mit meiner Rührung zu kämpfen. Gewaltige Stimmung. 

Der Start wird herunter gezählt und endlich geht es los. Mein Handy habe ewig nach einem GPS Signal gesucht, denn ich wollte den Lauf auf Strava tracken und kurz bevor ich die Nerven vollends wegschmeiße, kommt doch noch der grüne Punkt am Display. Ich habe mich im Startblock eher mittig am rechten Rand aufgestellt, um nicht von den wirklich schnellen A-Block Läuferinnen über den Haufen gerannt zu werden und so dauert es einige Zeit, bis auch ich über die Startlinie komme. Nach ein paar Hundert Metern sehe ich einen der roten Pace runner Luftballons vor mir und denke: "Prima, das ist der 55-Minuten Ballon, dem folge ich jetzt einfach."

Zum wahrscheinlich ersten Mal seit ewigen Zeiten habe ich es geschafft, nicht wie von Hornissen gejagt loszulaufen, sondern bin locker los getrabt. Während sich das Läuferinnenfeld langsam zu entzerren beginnt, frischt der Wind noch einmal kurz auf und ich denke nur: "Nein. Kurze Hose wäre heut echt nicht gegangen."

Auf Höhe Lusthaus kommt die Sonne heraus und mir wird warm. Mein Gedanke dazu nur: "Nein. Langarm und lange Hose wäre heut echt nicht gegangen...."

Auf dem Gehsteig beim Lusthaus stehen zwei Absperrtafeln, die man aufgrund der großen Läufermenge erst extrem spät sieht und die von mehreren Frauen fast umgerannt wird. Ich überlege, ob man die Dinger nicht weg stellen hätte können, denn während dem Lauf wird ja wohl keiner versuchen, mitten zwischen 35.000 Frauen sein Auto rein zu parken!?? 

Ich laufe teilweise im Pulk, zwischendurch auch alleine, denn ab KM 3 haben sich schon gewisse Gruppen gebildet. Vor mir läuft die Gruppe mit dem roten Pace Luftballon und kurz vor der ersten Labestelle kann ich die Aufschrift lesen. 50 Minuten. Oha.

Ich überlege, das Tempo zu reduzieren, aber das fühlt sich nicht richtig an und noch geht es mir gut. "Noch" denke ich nicht, weil ich ein Pessimist bin. Aber ich bin eben ein Optimist mit Lebens-, bzw. Lauferfahrung

Auch bei Kilometer sieben ist der rote Luftballon noch in Blickweite. Die Stimmung am Streckenrand ist gut, viele Zuschauer feuern uns an und es gibt etliche Stellen mit guter Musik. Ich laufe und es läuft. Der Schweiß übrigens auch, denn es ist jetzt in kurzer Zeit ordentlich warm geworden. An der Kurve zum Wurstelprater steht ein Bus mit Polizisten der Einsatzeinheit Ulanen. Zwei Männer stehen vor dem Fahrzeug und ich überlege, ob sie wohl lieber bei einer Demo stehen würden als hier im Namen der Terrorabwehr Wache zu schieben.

Die Strecke verläuft gleich wie in den letzten Jahren und ich erinnere mich an manchen Stellen daran, wie es mir bei anderen Frauenläufen dort gerade gegangen ist. Die neun-Kilometer Tafel kommt nicht überraschend, aber mich überrascht, dass mein Einbruch noch nicht gekommen ist, mit dem ich jetzt schon jeden Augenblick rechne.

Endlich ist die Zielgerade da und ich widerstehe dem Drang, auf den ersten Bogen los zu sprinten. Das kenne ich schon. Das ist der falsche Bogen und wenn man dann schon am Limit ist, zieht sich der kurze Weg bis zum tatsächlichen Ziel unendlich.

Dann sehe ich den Bogen aus Luftballons vor mir. Der rote Pace Ballon ist gerade dabei, die Zeitnehmungslinie zu überqueren und ich ziehe noch einmal das Tempo an. Viel geht nicht mehr, aber eine Frau überhole ich noch auf den letzten Metern, die offensichtlich das Zielbogenproblem hat (siehe oben). Dann piept die Zeitnehmungsmatte und ich bin im Ziel. Ich reiße die Faust hoch: i did it! und stoppe die Aufzeichnung auf Strava auf meinem Handy. Diese zeigt eine Zeit unter 50 Minuten an. 49 Irgendwas, ich habe grad keine Muse, genau zu schauen, wichtiger ist meine Rose und die Finisher Medaille, die ich freudig von einem netten jungen Mädchen in Empfang nehme.

Kaum bin ich aus dem abgesperrten Zielbereich heraußen, rufe ich meinen Papa an. Der hat meine Zielzeit per SMS Service schon bekommen und kann es genauso wenig fassen wie ich. 49:29 Minuten. Damit haben wir nicht gerechnet. 

Nachdem ich meinen Rucksack wieder von der Kleiderabgabestelle geholt habe, suche ich mir ein etwas abgelegenes Eck, um mich schnell umzuziehen und den Schweiß vom Körper abzuwischen - ich freue mich schon auf das heiße Bad Daheim - und dann mache ich mich zur T-Shirt Ausgabestelle auf, um mir ein Shirt vom 2010er Lauf zu sichern. Leider gibt es keines mehr, aber ich unterstütze das Frauenhaus Projekt trotzdem, indem ich ein beliebiges Shirt (2012? 2013? Keine Ahnung. Blau ist es) um 10,-- Euro erwerbe und weitere 10,-- Euro als Spende dort lasse. Dann versuche ich, über Pentek Timing meine Platzierung in meiner Altersklasse herauszufinden, aber die Ergebnisse sind noch nicht online.

Auch als ich schon längst zurück bei meinem Auto bin, gibt's noch keine Ergebnisse. Erst fünf Stunden nach Ende des Laufes finde ich erste Ergebnisse und erfahre, dass ich 426. von 5587 Starterinnen über die 10-Kilometer Strecke geworden und in der Klasse W40 am 56. Platz von 652 Frauen gelandet bin. Gar nicht so schlecht.

Und somit bestätigt sich wieder einmal meine Theorie: Wer mit dem Schlimmsten rechnet, kann nur positiv überrascht werden! :-)

Falls Du bis hier her gelesen hast, möchte ich mich für Deine Ausdauer und Dein Interesse bedanken! 

25.5.17 09:52


Prosit 2015, der Grazer Silvesterlauf 2014 aus Katziesicht

Das Jahr 2014 ging langsam dem Ende zu. Es war kein wirklich tolles Jahr und über die Details will ich jetzt gar nicht reden. Nur soviel. Es wurde wenig gelaufen. Positiv 2014 war: eine Woche Kajakfahren in Obervellach. Nette Bekanntschaften am Wasser. Und jetzt läuft es wieder.

Um die kommende Laufsaison 2015 gleich passend zu starten, hab ich mich entschlossen, am Silvesterlauf 2014 teilzunehmen. Warum der Silvesterlauf 2014 schon zum Jahr 2015 zählt? Ganz einfach. Weil der Muskelkater erst für den 01. oder auch den 02. Jänner 2015 vorherzusagen ist!!!

 

Veranstaltet wird der Silvesterlauf in Graz von der Gratiszeitung WOCHE und Anmeldung und Zeitnehmung laufen über anmeldesystem.com. Nix Pentek-Timing. Auch der VCM Winterlauf Cup läuft unter anmeldesystem. Schön langsam bekommt der Pentek Chip jedesmal was Nostalgisches, wenn ich ihn tatsächlich verwenden kann. 2014 war das genau einmal der Fall. Beim Frauenlauf in Wien. Aber das ist ja jetzt nicht das Thema.

 

Also via Internet angemeldet. Startnummer 1022 am 30. Dezember 2014 beim HERVIS im Citypark geholt. Zwischen den ganzen "unerwünschte Weihnachtsgeschenke umtauschen" Versuchern durchgequetscht, bekam ich mein Startersackerl und den Chip von einem sehr netten jungen Mann. Dafür, dass er so nett und witzig war, verzeihe ich ihm auch gerne, dass er und sein Kollege eher chaotisch wirkten und nicht gerade zeiteffektiv arbeiteten.  

Beim Abstellen des Startersackerls klirrt es. Ich bin gewöhnt, dass Startersackerl "Plompf" machen, wenn man sie abstellt. Weil eine PET Flasche mit einem Sportgetränk darin ist. Auch "Donk" bin ich gewöhnt, wenn etwa eine Dose eines Energydrinks in dem Sackerl drin ist. Aber "Klirr"? Seit wann gibt es Sportgetränke in Glasflaschen? Ich schaue sofort nach, was da - hoffentlich nicht kaputtgegangen - ist und finde eine Piccolosekt Flasche. Wie nett! Silvesterlauf und Piccolosekt! Das ist ja mal eine wirklich ulkige Idee! Weiters gibt es in dem Startsackerl einen roten Apfel (vermutlich von der "frisch-saftig-steirisch" Sorte), eine Flasche Gatorade, ein Stück Traubenzucker im Einzelpack, ein rosa Zuckerl und einen etwa 2x1,5cm großen elliptischen "Shieldcleaner" mit Hervis-Aufdruck. ???? Wozu auch immer man das Teil benutzt..??

 

Nach kurzer Rücksprache mit Coach Papa lasse ich den Tag mit der Fahrradrunde nach Hause ausklingen und lese wieder viel zu lang in meinem neuesten Buch. Aber nachdem der Start erst um 14:30 Uhr ist, habe ich nicht so große Sorge, zu wenig Schlaf zu bekommen.

Um 12:30 Uhr verlasse ich das Haus in Richtung Bushaltestelle. Gerade, als mein Papa anruft, um mir Alles Gute für den Lauf zu wünschen. Um 12:45 Uhr stehe ich vor dem großen Zelt, in dem sich schon eine Menge Läufer drängen, um der Kälte zu entgehen. Es ist nämlich richtig frostig in Graz und ich habe zwar die Dreiviertelhose angezogen, aber dazu die Kompressionsstutzen, um kein nacktes Wadenfleisch in die kalte Luft zu halten. Unter dem Vereinstrikot trage ich ein langärmeliges Shirt vom Kaffeeröster. Trotzdem ist mir nicht gerade heiß. Meine Recherche zum Thema Kleiderabgabe ergibt: nichts. Es gibt keine Kleiderabgabe. Einige Optimisten stellen ihre Rucksäcke im Bereich der Bühne, der Essensausgabe oder auch bei der Lautsprecherbox mit dem optimistischen Gedanken: Sportler klauen doch wohl nicht! ab. Ich bin auch ein Optimist. Allerdings ein Optimist mit Lebenserfahrung und daher spaziere ich in meine knapp 1km entfernte ehemalige Firma und bitte die Kollegen, meinen Rucksack bis nach dem Bewerb abstellen zu dürfen. Ich darf. Kurz vor viertel drei schlüpfe ich aus der langen Überhose und der kuscheligen Jacke und trabe zum Start, wo ich noch ein paar wertvolle Minuten mit anderen fröstelnden Athleten im warmen, nach allerlei Essen riechenden Zelt verbringe.

Dann treibt uns die Lautsprecheransage, dass in zwei Minuten das Rennen beginnen würde, hinaus in den Startbereich, wo wir bibbernd vor uns hin hoppeln und versuchen, nicht auszukühlen. Keine Ahnung, wie lange wir tatsächlich gewartet haben. Zwei Minuten waren es fix nicht. Aber so viele Minuten wie es sich angefühlt hat, vermutlich auch nicht. Endlich wird der Countdown heruntergezählt und wieder einmal darf man sich als weiter hinten Startender über die ganz Schlauen freuen, die sich in die vordersten Reihen gequetscht haben, um jetzt gemütlich loszuspazieren. Da ich ziemlich im Mittelteil des Startblocks meinen Platz hatte, laufe ich auf unzählige dieser Helden auf. Aber da ich mit einer sehr entspannten Einstellung an den Start gegangen bin, kann mich das Stop-and-go Geschiebe nicht wirklich belasten. Ich trabe, tripple, umkurve und irgendwann beginnt das Feld endlich, sich etwas zu entzerren.

Als die 1-Kilometer Tafel auftaucht, renne ich beinahe hinein, denn ich bin gerade wieder auf einen kompakten Bremsblock aufgelaufen und wollte rechts an dem Wesen aus einer anderen Gewichtsklasse vorbei, wozu ich allerdings über die plötzlich vor mir aufragende Klapptafel springen hätte müssen. Egal. Eine Vollbremsung und einen Elchtesttauglichen Ausweichschwenk später bin ich noch einmal kurz hinter der mobilen Straßensperre, bis ich an einer breiteren Stelle links vorbei komme.

Inzwischen hat sich auch der Untergrund geändert. Während im Startbereich der Asphalt trocken und salzweiß war, laufen wir jetzt auf dem Naturboden des Murradweges im oberen Bereich in Richtung Kalvarienbrücke. Griesiger Schnee wechselt sich mit etwas angeeisten Stellen ab und zwischendurch schaut der Erdboden durch. Jene Läufer, die in weiser Voraussicht die Geländeschuhe angezogen haben, trumpfen jetzt mit ihrem Profil auf. Ich habe die superglatten Straßenlaufschuhe an, weil ich am Vortag im unteren Bereich des Murradweges nur noch trockene, geräumte Straße vorgefunden habe. Irgendwie habe ich wohl verdrängt, dass hier ja noch erdiger Untergrund ist und somit die Schneeräumung nicht so funktionieren kann. Meine bevorzugte Spur ist somit die am stärksten gefrorene, wenn geht jedoch nicht vereiste. Ich tänzle vor mich hin und kann noch immer nicht auf meine Uhr schauen, weil die Gefahr, auf einen anderen Sportler aufzulaufen, zu groß ist.

Eine Lady in weißem Anorak hat beschlossen, die Absperrung des Laufs zu ignorieren und führt ihr Hundchen mitten auf der Strecke spazieren. Sie wird aber keinesfalls dafür beschimpft, denn in meinem Laufumfeld befinden sich scheinbar lauter ZEN Läufer oder Menschen, die einfach nur eine gemütliche Runde ohne Konkurrenz- und Wettkampfdenken drehen wollen. Ich denke, im Spitzenfeld wäre die Fellwurst-auf-der-Laufstrecke-auslüft-Idee nicht so gut angekommen.

Bald geht es über die Kalvarienbrücke und endlich habe ich wieder halbwegs trockenen Asphalt unter den Schuhen. Das Feld hat sich soweit aufgelockert, dass ich das erste Mal auf meine Uhr schauen kann. Ich lese irgend etwas mit 2,35 (??) Kilometer und eine Pace von 4kommairgendwas Minuten pro Kilometer. Okay, denke ich mir. Noch sind wir mit unter 5 Minuten pro Kilometer unterwegs. Aber der Einbruch kommt schon noch, keine Sorge!

Wir queren die breite Straße am Kai und laufen über den schneebedeckten Gleiskörper. Ich überhole ein Mädchen, das mir vorher schon wegen ihrer auffälligen "hurtigflink ltc" dress aufgefallen ist und wundere mich, wie mühelos das geht. Die Stimme in meinem Hinterkopf meldet plangemäß: "Jaja. Überhol sie ruhig. Dann holt Dich der Krampus und sie läuft Dir wieder um die Ohren..." aber über die Sackstraße in die Herrengasse kommt kein Einbruch. Als ich auf dem Rückweg in der Herrengasse sehe, wie weit das Mädchen inzwischen zurück gefallen ist, wundere ich mich. Noch mehr wundere ich mich, dass sie eine rote Startnummer hat. Also eine 5-km Läuferin ist. Aber schon wieder habe ich eine Dame vor mir und kurz vor der Trenntafel der 5- und 10-km Läufer im Zielbereich laufe ich auf ihrer Höhe. Und obwohl sie eine schwarze Startnummer hat, läuft sie auf der 5er Seite ins Ziel ein und bleibt stehen. Aha?

Die zweite Runde beginnt und noch immer fühle ich mich gut. Den Tee an der Labestelle ziehe ich nicht einmal in Erwägung, dafür habe ich auf nur zehn Kilometern Strecke wirklich keine Zeit!

Die 1-Kilometer Tafel, die mir vorige Runde fast zum Verhängnis geworden wäre, taucht schon wieder auf. Die Tafel hat eine Doppelbeschriftung und jetzt schaue ich bewusst auf die Zahl "6". Ja. Zweite Runde. Schon sechs Kilometer und weiter geht der Weg. Der Schneeboden ist noch etwas weicher geworden durch die vielen motivierten Läuferschuhe und wieder bin ich froh, als der Untergrund wieder wechselt und ich auf dem Belag laufe, für den meine Straßenlaufschuhe gedacht sind.

Die sieben-Kilometer-Tafel habe ich völlig übersehen. Das mag daran liegen, dass gerade eine sehr nette Familie am Wegrand stand, die uns Läufer begeistert anfeuerten. Als ich auf meine Uhr schaue, sind nur noch 2,3 Kilometer zu laufen und meine Pace liegt noch immer unter 5 Minuten. Wow. Das wird ja vielleicht wirklich noch was mit einer Zeit unter 50 Minuten!

Durch die Herrengasse laufe ich kurz am Kopfsteinpflaster, aber dann wechsel ich auf die Stainzerplatten, auch wenn ich dabei Acht geben muss, nicht an die Absperrungen zu stoßen. Trotzdem fühlt es sich angenehmer auf dem glatteren Untergrund an. Und wieder um das Gitter herum zurück auf der anderen Seite in Richtung Murgasse. In der Haltestelle lehnt ein älterer Herr, der wohl noch von der Bauernsilvesterfeier übrig ist und starrt uns Läufer mit glasigen Augen hinterher.

Ich will die letzten 200Meter noch beschleunigen, aber irgendwie hält sich der Endspurt in Grenzen. Als ich auf das Ziel zulaufe, befinde ich mich in einer Gruppe mit drei Männern. Der Sprecher kündigt uns als "jetzt kommt wieder eine reine Herrengruppe herein" an. Hallo??!!! Egal. Meine Uhr stoppt bei 48:28 Minuten. Ich bin happy und will mir einen Tee an der Labestelle holen. Die war aber scheinbar nur für die 5-km Läufer gedacht und ist schon abgebaut worden. Also ein wenig auslaufen. Gemeinsam mit einer anderen Dame trabe ich den Kai entlang und drehe dann wieder um, weil sie ihre Sachen bei einem Bekannten im Auto deponiert hat und den jetzt suchen gehen muss.

Im Zielbereich bekomme ich dann doch noch einen Becher Tee und ein Weckerl und begebe mich in die Firma, um in ein trockenes Shirt und meine warmen Überziehsachen zu schlüpfen. Dann geht es wieder in Richtung Mariahilferplatz, weil ich zumindest eine Vorab Ergebnisliste sehen will und meinen Chip wieder retour geben muss.

Laut der Vorab Ergebnisliste lande ich auf Platz fünf. Ist okay, das Ergebnis ist besser als erwartet. Ich begebe mich zur Straßenbahnhaltestelle und erfriere beinahe, weil es dort so extrem zieht und "Wiederaufnahme des Fahrbetriebes um 16:30 Uhr" natürlich nicht bedeutet, dass um 16:30 Uhr die BIM vor mir steht, sondern sie um diese Uhrzeit erst in der Remise weg fährt. Brrr...

 Zuhause genieße ich ein heißes Muskelentspannungsbad und als ich am späteren Abend noch einmal in die Ergebnisliste schaue, bin ich auf Platz vier vorgerückt. Mal wieder jemand aus der W30 gefallen innerhalb der Einspruchsfrist... Wundern erlaubt.

Den Donauwalzer habe ich nur gesehen, weil ich mir den Wecker gestellt habe. Denn trotz der tapferen Versuche meiner Nachbarn, Graz in die Luft zu sprengen (special thanks an die Helden, die im Innenhof ein paar ordentliche Böller gezündet haben - es geht sicher nichts über einen feinen Tinnitus zu Silvester!) bin ich auf der Couch eingeschlafen.

Um punkt 23:45 Uhr wache ich auf, stelle massive Hungergefühle fest und einen Topf Wasser auf den Herd. Dann schaue ich mir den Donauwalzer an, während eine groooooße Portion Spaghetti gerade rechtzeitig fertig wird, um gleich mal den Neujahrsvorsatz von wegen "nicht mehr so spät essen" zu brechen.

 

Prosit Neujahr 2015... :-)

3.1.15 03:00


Vienna City (HALB)Marathon 2013

Suboptimale Vorbereitung. Das kennen wir doch woher? Ach ja… katzies Selbstsabotage deluxe. Diesmal zu Ehren der Karriere… war für nix, aber dazu am Schluss noch ein Wort.


Im Herbst 2012 wollte ich mir beim HERVIS im Citypark ein neues Paar Laufschuhe kaufen. Ich hab ja nur ähm… mal überlegen.. gestern waren es gezählte 15 Paar, aber davon sind schon etliche quasi-ausgemusterte Exemplare dabei, die ich mir einfach noch für spezielle Gelegenheiten und Stimmungen aufbewahre. Aber im Herbst waren es nur glaubich 12 Paar.. oder so… wo waren wir stehengeblieben? Ach so ja. Als ich so im Geschäft herumspaziere und mit mir ringe, ob ich mir einen Ausverkaufsschuh oder einen Nächste-Saison-Schuh leisten soll, kommen zwei junge Damen auf mich zu und fragen, ob ich an einem Gewinnspiel teilnehmen will. Man kann unter anderem einen Startplatz beim Vienna City Marathon gewinnen, Laufschuhe… und noch einiges anderes. Ich schaue schnell, wann die Verlosung ist: um 17:00 Uhr. Es ist 16:30 Uhr. Das halte ich aus, so lange trödel ich locker im Sportartikelladen rum. Also fülle ich eine Gewinnkarte aus und schlendere noch gefühlte dreißig Runden durch die Fahrrad- und Outdoor Abteilung, bis endlich die Verlosung über den Lautsprecher angekündigt wird. Als der Hauptpreis gezogen wird, ertönt mein Name. Oha… ich renne zur Kassa, wo der Tombolamann steht und schwenke meinen Gewinnabschnitt. Ich habe soeben einen Startplatz inklusive Hotelunterbringung für zwei Personen beim Vienna City Marathon 2013 gewonnen. Sehr cool!


Mit meinem Gewinn und einem dann doch noch gekauften neuen Paar blaue NIKE Free Laufschuhe verlasse ich den HERVIS und informiere meinen Papa von den Neuigkeiten. Tja, das heißt also trainieren bis 14. April.


Voller Motivation starte ich in einen herrlichen Winter. Viele Laufkilometer, wunderbare Schneelandschaften, was will man mehr. Ach ja, und einen Fahrradunfall kurz vor Silvester mit einem ausgiebigen Krankenhausaufenthalt und inneren Verletzungen. Das wirft mich trainingsmäßig nicht grade nach vorn.
Dann die Entscheidung, eine weiterführende Prüfung ablegen zu wollen. Somit viel lernen. Viele Stunden stures Büffeln zu Hause, daneben weiter brav arbeiten. Das Training kommt zu kurz, dafür lege ich einige ungeplante Kilo zu, weil ich noch immer an die Wunderwirkung des Studentenfutters glaube. Der Halbmarathon in Graz wäre zwar auf meinem Programm gestanden, war dann aber dienstlich leider nicht möglich. Ich habe dafür die Strecke absichern und zusehen dürfen. Auch aufregend. Vor allem, wenn man via Funk hört, wo die Spitzenläufer bereits sind, während die langsamen Starter sich grade an einem vorbei quälen.


Mitte März schreibe ich zaghaft an die Zuständige der Firma HERVIS, ob man denn auch am Halbmarathon teilnehmen könne, irgendwie haperts mit meiner Wettkampfform und die 42,195 Kilometer wären wirklich unnötiges Leiden… Ja, ich kann mich auch für den Halben anmelden. Feine Sache! Dann ein langes Hin und Her… der Marathon findet genau zwei Tage vor der großen Prüfung statt, aber ich habe jetzt wirklich drei Monate gebüffelt, da werden die Stunden in Wien auch nicht mehr viel Unterschied machen, oder? Zur Sicherheit nehme ich den Laptop mit.


Am Samstag, dem 13. April 2013 geht die Reise los. Papa hat vorgeschlagen, dass wir mit seinem Auto fahren. Eine gute  Entscheidung, denn mein Auto hat momentan die Tendenz zu spontaner Arbeitsverweigerung, was beim Weg zu einem Wettkampf doch am Nervenkostüm zehrt.


Um halb zehn kommt Papa zu mir, ich habe die Sachen schon gepackt, aber einen Kaffee bzw. Tee muss ich vorher noch trinken. Ich habe meinen Kaffeekonsum momentan sehr eingeschränkt und bin deshalb auch ein bissl stolz auf mich. Dann die Sachen ins Auto räumen, ich habe nur eine kleine Sporttasche und meinen Rucksack, in dem auch der Laptop seinen Platz gefunden hat und schon geht die Fahrt los. In Wien verfahre ich mich nur ein einziges Mal ein ganz kleines Bisschen (na gut, es waren etwa 20 Kilometer Umweg, aber Wien ist nun mal eine große Stadt) und wir erreichen das Messezentrum, wo die Marathonmesse und die Startnummernausgabe sind. Papa und ich laufen die verschiedenen Stände auf der Messe ab, aber es gibt nicht so viel Interessantes für uns, da wir beide bezüglich der Ausrüstung geradezu überkomplett ausgestattet sind und uns die kommenden Laufveranstaltungen noch nicht so interessieren. Ich habe für die Saison 2013 genau keinen Ahnung, was ich machen werde. Allein der Frauenlauf steht auf meinem Programm, sonst gähnende Leere im Terminplan. Ein verspätetes Mittagessen beim vermutlich einfallslosesten running sushi von ganz Wien und schließlich treffen wir beim Hotel NH Danube City ein. Sehr nobel, sehr nobel! Ich bin ein wenig eingeschüchtert, als wir die riesige Lobby betreten, in der zwei Damen im feinen Zwirn das Einchecken übernehmen. Das Zimmer ist auf meinen Namen reserviert worden, aber ich habe am Vortag noch zur Sicherheit angerufen und mir das bestätigen lassen.
Auf dem Weg durch die Lobby sehen wir, dass  im ersten Stock gerade eine Zusammenkunft der Profiläufer stattfindet, die auch hier im Hotel untergebracht sind. Ich bin sehr beeindruckt und weiß gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Papa und ich blicken uns an und vermutlich denken wir beide, was für eine tolle Sache dieser Gewinn doch ist.


Von dem Hotelzimmer  bin ich als professionelle Kastenwagen-Camperin natürlich völlig überwältigt.  Fernseher, Minibar und das Bad mit Wanne und Haarföhn.. und die Tür funktioniert mit einer Chipkarte. Ich staune nur noch. Während Papa die Fernsehkanäle nach einem passenden Abendprogramm durchsucht, verziehe ich mich mit dem Laptop zum Lernen ins Bad. Aber meine Konzentration ist nicht die beste und schließlich schauen wir gemeinsam „Born to be wild“ mit John Travolta und anschließend führen wir eine heiße Diskussion über die morgige Weckzeit. Wir einigen uns auf 05:30 Uhr, da der Start des Laufs um 09:00 Uhr ist und ich ja noch ordentlich frühstücken soll.
Um Punkt 05:30 Uhr weckt mich mein Handy mit „hero on this way“ und ich klettere aus dem Bett. Das Handy von Papa  weckt heute keinen, denn irgendwas ist beim Programmieren am Vorabend schief gegangen. Wir ziehen uns an und begeben uns in den riesigen Frühstücksraum, wo auch die Profis schon anwesend sind. Papa zeigt immer wieder verstohlen auf einen Tisch und erklärt mir wispernd, welcher Profi das sei. Ziemlich aufregend, so nah an der Elite zu sein! Beim Buffet wundere ich mich über die teilweise recht unkonventionell gefüllten Teller einiger Eliteläufer. Da gibt es Würstchen, Palatschinken mit Marmelade und Ham and Eggs und dazu Orangensaft. Papa und ich kommen zu dem Schluss, dass man vermutlich alles essen kann, wenn man es gewöhnt ist und das ganze chichi das wir Amateurläufer betreiben entbehrlich ist. Man könnte auch sagen: „ein guter Ofen verbrennt ALLES, wenn die Verbrennungstemperatur stimmt“


Ich lege mich nach dem Frühstück noch eine halbe Stunde im Zimmer hin, während Papa unruhig  herumläuft und schließlich den Raum verlässt, um kurz darauf wiederzukommen und zu verkünden, dass vor dem Hotel bereits „der Teufel los“ sei. Ja, wir haben am Vorabend bereits recherchiert, dass der Startblock gelb genau vor dem Hoteleingang ist. Und natürlich war mir klar, dass einiges los sein würde, wenn wir in der Früh dort hinaus gehen. Als wir dann um halb neun tatsächlich aus dem Foyer treten bin ich aber trotzdem ziemlich perplex was das für ein Menschengewurle ist.


Papa und ich queren den gelben Startblock und ich betrete gegen dreiviertel neun über den offiziellen Eingang den blauen Startblock, der noch relativ leer ist für die doch schon recht knappe Zeit bis zum Start. Ich laufe im Startblock ein wenig auf und ab, überprüfe noch einmal den Sitz des Transponderchips und der MP3 Playerstöpsel und plötzlich quellen Unmengen von hektischen Läufern über und unter die Absperrungen in den blauen Startblock. Ein Blick auf die Startnummern ergibt, dass ich zur absoluten Minderheit derer gehöre, die in dem für sie bestimmten Startblock stehen. Rund um mich herum tragen die Startnummern grüne, schwarze und gelbe Punkte. Immer wieder dasselbe. Der Veranstalter versucht aufgrund der bereits gelaufenen Bestzeiten die Läufer ihrem Leistungspotential nach in die Startblöcke aufzuteilen und immer wieder werden sich langsame Läufer in die vorderen Startblöcke quetschen. Auch wenn aufgrund der ausgelegten Transpondermatten an Start und Ziel für jeden eine Nettozeit errechnet werden kann. Es gibt Dinge, die ändern sich nie.


Nach gefühlten zwanzig Fotos, die Papa von mir macht und dem Ertönen des Startschusses für die Elite verabschiede ich mich von Papa für die nächsten zwei Stunden. Ein „alles Gute Bussi“ und ich stehe ratlos herum. Dann fällt mir noch irgendetwas ein, das ich Papa mitteilen muss. Noch ein Bussi. Dann fällt Papa noch etwas ein. Ich bin momentan sehr anlehnungsbedürftig und schmusig gestimmt, denn als ich schon wieder meine „Bussi-Schnute“ mache, zieht Papa etwas irritiert die Augenbraue hoch. Aber er versteht wohl meine plötzliche Unsicherheit. Ich war bis zu dem Startschuss praktisch nicht nervös, aber als sich unser Startblock nicht und nicht in Bewegung setzt, wird mir doch etwas komisch.


Endlich kommt auch in den blauen Startblock etwas Bewegung und wir kriechen in absolut unwürdigem Tempo in Richtung Startbogen. Ich versuche, über die Köpfe zu sehen, denn normalerweise kann man die Startlinie daran erkennen, dass aus dem Schlurfen plötzlich ein Hoppeln wird und sich das Feld schlagartig in eine hüpfende Masse verwandelt. Aber hier nicht. Die Startlinie wird ebenfalls im Schlurfschritt überwandert und erst mitten auf der Brücke sind die ersten flotteren Schritte möglich. Am MP3 Player läuft „Papillon“ von Editors aber anders als der Läufer in dem Video joggen wir im „Sonntagsnachmittag nach einem fetten Schweinsbraten mit Kraut“-Tempo dahin. Das Feld ist so eng gedrängt, dass ich bei jedem Schritt aufpassen muss, dass ich nicht über die Fersen eines anderen Läufers stolpere. Auf der Reichsbrücke das übliche spontane Stehenbleiben und an den Rand der Strecke hasten für ein Erinnerungsfoto einiger Mitläufer, aber das kenne ich ja schon von 2008 und ich schaffe es, auf keinen dieser Knipshelden aufzulaufen.


Ich jogge. Es ist angenehm warm, aber nicht heiß und ich trage ein rotes Laufshirt unseres Vereins und den silbergrauen Laufrock von raidlight, der so schön um die Oberschenkel flattert. Die CEP-Kompressionsstutzen habe ich nur angezogen, weil sie zum Rock nett aussehen. Für die Umgebung bleibt aufgrund des massiven Gedränges keine Zeit und obwohl ich die gesamte Breite der Lassallestraße nutze, um einen freien Bereich zum Laufen zu finden, existiert der Begriff „freies Laufen“ schlichtweg nicht. Ja, im Bereich „zwischen 01:45 und 02:00 Stunden kommen“ spielt sich vermutlich im Halbmarathon am meisten ab. Und ich laufe heuer in diesem Bereich. Ich überhole einige Läufer, deren Rückenaufschrift verkündet, dass sie entweder mit Jesus laufen oder laufen und predigen und bin irritiert über diese Verknüpfung von Sport und Religion. Die Überlegungen, warum jemand das Gefühl hat, darauf hinweisen zu müssen, dass er gläubig ist, lenken mich eine kurze Weile ab. Dann wende ich meine Aufmerksamkeit wieder der Suche nach einem Stück freier Strecke vor meinen Füßen und dem Genuss der Playlist auf meinem MP3 Player zu. Einige Tage zuvor habe ich eine CD im Handel gesehen, die damit warb, speziell fürs Laufen geeignete Musik zu enthalten. Ein Blick über die Songs auf dieser CD hat mich überrascht. Da muss jemand meinen MP3 Player ausgelesen und auf CD gepresst haben! Bis auf einen Song befinden sich alle in meiner „was ich hören will, wenn ich laufe“ Liste. Aber ich habe nicht nur „Gonna Fly now“ aus dem Rocky Film, sondern auch etliche getragenere Musikstücke unter meinen Songs. Und natürlich den „Wörthersee Trail Song“ von Markus Wutte „Hero on this way“ und einiges von ERA. Am Praterstern entzerrt sich das Läuferfeld kurz, aber bei der Einmündung in die Hauptallee ist wieder Drängen und Schieben wie bei der Essensausgabe in der Mensa angesagt.


Zwischen Kilometer vier und fünf sehe ich plötzlich das Shirt der „Streakrunner“ vor mir und die Rückenaufschrift verkündet mir, dass es sich bei der Läuferin vor mir um „Crystal“ handelt. Ich freue mich und als ich an ihr vorbeilaufe, begrüße ich sie und stelle mich kurz als „katzie“ vor. Sie ist wie ich schon lange im streakrunner.de Forum und ihr Name war mir sofort wieder erinnerlich. Ihre Startnummer weist sie als Marathonläuferin aus, weil die Zahl nicht wie bei meiner Startnummer durch einen quer darüber verlaufenden Strich davon kündet, dass ihr Träger „ein halber“ ist. Ich denke, nachdem ich sie quasi „von hinten“ überrumpelt habe, hat es bei Crystal ein paar hundert Meter gedauert, bis sie die Begegnung verdaut hatte. Und da war ich dann schon wieder im Getümmel untergetaucht. Für mich hat die Begegnung einen neuen Gedankenstrang angestartet, nämlich die Erinnerungen an meine Zeit als „Täglich-Läufer“. Auch die Erinnerungen an meine vielen einsamen Läufe im Grünen Prater, entlang des Donau Ausgleichsgerinnes und an so vielen anderen Orten Österreichs und auch Italiens. Meine Serie endete damals nach 1275 Tagen. Ich wusste nicht, ob ich traurig sein sollte oder eher erleichtert.


Die Halbmarathonis biegen dann nach rechts ab, während die Strecke für die Marathonläufer bei der nächsten Runde noch bis zum Lusthaus weitergeht.  Aber das Feld entzerrt sich dadurch keineswegs.


Die erste Labestelle taucht dann  relativ überrraschend auf, denn ich habe vor lauter Gedankenspielerei noch gar nicht auf die Uhr geschaut. Ich nehme mir einen Becher Wasser und ärgere mich über die Strategie, an den Labestellen zuletzt das klebrige Isozeug auszuteilen. Auf diese Weise landen die halbvollen Becher von dem Zuckerwasser als letztes am Boden und wenn man weiterläuft, werden davon die Sohlen der Laufschuhe ganz klebrig  und machen etliche hundert Meter später am Asphalt noch immer das Geräusch, als ob man einen Klettverschluss aufreißt. Ich philosophiere eine Weile über dem Gedanken, ob dieser Zustand vermeidbar wäre, wenn sich die Wasserstation als letztes befände und somit jeder Läufer zuletzt durch eine Wasserpfütze läuft statt durch eine Isodrink Lache und schon bin ich auf der Schüttelstraße.


Auch heuer sorgen die Staffelläufer, die mitten auf der Strecke ihre Zusammenkünfte feiern und Fotos von der Gruppe machen für mäßige Begeisterung bei den Sportlern, die sich durch diese Ansammlungen kämpfen müssen. Es gibt Dinge, die ändern sich nie.


An der nächsten Labestelle fällt mir der Gedanke von 2008 wieder ein „Der Geruch tausender totgetrampelter Bananen liegt in der Luft“. Auch hier gibt es Bananen. Auch hier finden sich reichlich Schalen auf der Straße und auch hier sorgen sie für den bekannten rutschigen Bodenbelag. Aber vom Geruch nehme ich nichts wahr. Kunststück. Mein Heuschnupfen hat sich heuer mit verve gemeldet und ich niese vor mich hin, die Nase ist fast ständig zu. Nicht immer ein Nachteil, zum Beispiel wenn ich im Training am Sturzplatz mit seinen Kompostbergen oder an frisch gedüngten Feldern vorbeilaufe.


Nach wie vor ist das Feld dicht gedrängt und ich laufe kreuz und quer auf der Suche nach einem freien Stück Straße vor meinen Füßen, wo ich keine fremden Fersen verletze. Umsonst. Das Stolpern geht weiter. Inzwischen habe ich die laufende Sebamed Flasche und die Erdinger Dose überholt. Beide haben Marathonstartnummern getragen und ich bin jedes Mal aufs Neue beeindruckt von der Härte, einen ganzen Marathon in einem Ganzkörperkostüm zurückzulegen. Noch dazu, wo ich nicht annehme, dass man bei diesem Kostüm gute Sicht nach vorne hat und es genug Möglichkeiten gibt, über die Füße anderer Läufer zu stolpern.


Meine Songliste passt zu meinem Lauftempo und ich freue mich, dass mein Magen heuer keinerlei Sperenzchen macht. An der letzten Labestelle vor dem Ziel möchte ich mir ein Isogetränk nehmen, aber ich sehe erst viel zu spät, wo die Iso Ausgabe ist und so nehme ich auch hier nur einen Becher mit Wasser und gehe damit ein paar Schritte. Das Laufen an den Labestellen habe ich aufgegeben, es ist einfach nicht möglich, ohne mit blind kreuzenden Mitstreitern zu kollidieren.


Eine Läuferin mit lila Frauenlaufshirt ist mir unterwegs schon ein paarmal aufgefallen. Unser Tempo ähnelt sich, an den Labestellen überholt sie mich, auf der Strecke hole ich sie wieder ein. Das Spiel halten wir bis zu Ziel durch und irgendwie sucht mein Blick unterwegs schon jedes Mal das lila shirt.


Schließlich kommt nach etwas über einer Stunde und 50 Minuten das Burgtor in Sicht. Ich höre plötzlich ein Motorrad rechts hinter mir und biege zeitgleich mit dem Spitzenläufer des Marathon, Henry SUGUT in die letzte Gerade zum Heldenplatz ein. Leider staut sichs hinter einer kleinen Gruppe im Burgtor, sodass ich erst wesentlich später aus dem Schatten des Burgtors auf den Heldenplatz hinauskomme. So laufe ich genau zwischen SUGUT und Solomon KIPTOO im Ziel ein. Nur sind die beiden auf der „Marathon-Spur“ rechts und ich auf dem linken gelben Teppich der Halbmarathon Strecke unterwegs. Trotzdem. Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn genau beim Zieleinlauf das „also sprach Zarathustra“ ertönt. Gänsehautfeeling.


Meine Endzeit: 01:55,14 Stunden. Nicht schlecht für einen reinen Spaßlauf. Wenn ich wie eine Wilde trainiert hätte, dann würde mich das Ergebnis wohl ärgern. Denn viel schneller hätte ich es aufgrund des Gedränges auf der Strecke vermutlich trotzdem nicht geschafft.


Nach dem Überreichen der Finishermedaille treffe ich das lila Frauenlaufshirt wieder. Ich freue mich und wir plaudern ein wenig, während wir uns die obligatorischen Finisher Sackerl und eine Flasche Mineralwasser holen. Die Medaille ist übrigens optisch sehr ansprechend, zu Ehren der 30sten Durchführung hat die Medaille eine Sternform, was ich witzig finde.


Aus der Läuferzone heraus überlege ich, wie ich meinen Papa jetzt wohl finden werde und greife nach meinem Handy, das sich in der Oberarmtasche befindet. Aber noch während ich die Tastensperre deaktiviere, sehe ich ihn. Er gratuliert mir zum Finish der so angenehm verlaufenen Veranstaltung und mit der U-Bahn fahren wir zurück zum Hotel, wo ich mich schon sehr auf die Dusche freue.


Die Prüfung am Dienstag lief dann nicht so erfreulich ab…

Fazit: je weniger Erwartungsdruck man in einen Wettkampf setzt, desto weniger regen einen Dinge auf, die schief gehen.


DANKE an die Firma HERVIS für die tolle Organisation von Hotel und Startplatz aufgrund meines Gewinnes beim Preisausschreiben.


DANKE Papa fürs Mitfahren, fotografieren, gut zureden und Aufmuntern.


Danke fürs bis-zum-Ende-Lesen J

5.5.13 00:39


6 Stunden für ein Kinderlachen - Salzburg 2012

Der Plan war gut: ich würde meinem Papa zu Weihnachten einen Startplatz für den 6-Stunden Lauf in Salzburg in der Klasse „Nordic walker“ schenken. Wir könnten gemeinsam nach Salzburg fahren, wo ich den Bewerb als Einzelstarter laufend und er walkend bewältigen würde. Jeder hätte seinen Spaß und wir könnten danach gemeinsam nach Hause fahren.

Die Fehler traten dann jedoch in der Ausführung des Planes auf: Das Anmelden klappte noch prima, die Überraschung kann man durchaus als gelungen bezeichnen. Mein Papa glaubte mir erst, als er seinen Namen in der Starterliste stehen sah, dass ich ihn wirklich ohne sein Wissen angemeldet hatte und fügte sich in sein Schicksal. Aber dann: eineinhalb Wochen vor dem Termin hatte ich mir endlich einen saftigen grippalen Infekt eingefangen, weshalb ich mehrmals das Training entweder ausfallen lassen musste oder den sterbenden Schwan dabei gespielt habe. Am Donnerstag noch Fieber, am Freitag dann die Diskussion über die Sinnhaftigkeit eines Starts in diesem Zustand und die inoffizielle Aussprache eines Laufverbotes durch meinen besorgten Coach. Dann aber: ein Schlupfloch! Ich würde mit Papa gemeinsam als Nordic walker starten, so eine Belastung kann es für den Kreislauf ja wohl nicht sein, sechs Stunden mit Stöcken bewaffnet im Kreis zu spazieren. Dachte ich. In völliger Unkenntnis der Nordic walking Materie. Also Start frei für Plan zwei!

Nordic walken ist mir theoretisch bekannt. Ich war im Sommer 2011 mit einer Arbeitskollegin ein paarmal mit Aluprügeln bewaffnet spazieren, aber obwohl wir ein flottes Tempo hatten, Stil hatte das sicher keinen... die Stöcke waren halt dabei, mehr Hindernis als Sportgerät. Aber wie nicht anders üblich gilt wieder einmal: das probier ich einfach!

Papa und ich wollten ursprünglich am Samstag im Morgengrauen nach Salzburg fahren, unsere Startnummern abholen und zum jeweiligen Bewerb antreten. So war der erste Plan. Siehe oben: Plan eins funktioniert bei uns nie. Also Plan zwei: wir fahren schon am Freitag. Leider wirft das meine komplette Zeiteinteilung über den Haufen und so kommen wir nach einer kleinen Orientierungsschwäche meinerseits erst bei Einbruch der Finsternis am üblichen Campingplatz in Salzburg an. Der Platzinhaber erkennt mich wieder, ich bezahle wie auch die Jahre davor gleich bei der Anmeldung, um am Morgen direkt zum Start des 6-Stunden Laufes fahren zu können.

Bis jetzt war noch alles einigermaßen im normalen Pulsbereich. Papa und ich bauen den Bus für die Nacht um, ich stecke die Heizung an, es beginnt nach Staub und Kunststoff zu stinken. Nach wenigen Minuten fällt die Heizung im Bus aus. Es hat 2 Grad Plus im Freien, also wenig sommerliche Temperaturen. Heizung muss sein! Papa und ich fummeln abwechselnd an dem Heizungsgerät herum und riskieren beide einen Stromschlag. Aber das Gerät ist tot. Dann plötzlich erhitzt sich das Gehäuse. Die Heizspirale bleibt lauwarm, aber das restliche Gerät glüht beinahe. Panisches Stromabschalten ist die Folge und die Erkenntnis: wir werden diese Nacht ohne Heizung überstehen müssen! Ich krame zwei Transportdecken aus dem untersten Bereich des Fahrzeuges heraus, in die wir uns zusätzlich zu unserem Campingbettzeug einwickeln. "Gute Nacht, Jim Bob"... nun können wir zeigen, ob wir abgehärtet sind. Im Basislager am Everest ist es sicher auch nicht kälter...

Wider Erwarten erwachen wir am nächsten Morgen ohne schwarz abgefrorene Finger, Zehen oder Nasenspitzen. Und wir sind nicht einmal todsterbenskrank verkühlt. Ein wenig rauh ist die Stimme noch, aber das ist morgens normal. Ich stelle Kaffe auf, schalte das Gerät ein. Die Kontroll-leuchte bleibt dunkel. Ich schüttle das Gerät (wer hat eigentlich beschlossen, dass man elektrische Geräte mittels Schütteln oder "drauf-klopfen" reparieren kann?) Der Wasserkocher bleibt kalt. Ich flüchte mit dem verdammten Ding in den Küchenbereich des Campingplatzes. Leider ist außer uns beiden noch kein Mensch munter (es ist gerade erst sechs Uhr, was habe ich gedacht?) und ich suche eine Möglichkeit, heißes Wasser für das Frühstück aufzutreiben. Endlich finde ich ein Waschbecken mit Duchlauferhitzer. Das Kaffeepulver bildet mit dem vielleicht 45 Grad heißen Wasser fiese Klumpen und ich kann es Papa nicht verübeln, dass er bei dem Anblick nicht gerade in Barrista-Phantasien ausbricht. Aber Zähne zusammenbeißen, den Kaffee im Notfall ein wenig kauen, ein Marmeladebrot dazu und um kurz nach halb sieben wollen wir den Campingplatz verlassen.

Genau. Wollen. Denn der Schranken ist zu. Obwohl gestern vereinbart, dass wir ab sechs hier raus können, sind wir eingesperrt. Ich gehe auf die Suche nach dem Platzwart. Klingele irgend ein Familienmitglied aus dem Bett und bitte ihn, uns aus dem Platz raus zu lassen. Ein Herr in Feinripp und Jogginghose öffnet schnell den Ausfahrtsschranken. Endlich können wir uns zur Startnummernabholung begeben.

Wir finden - fast - ohne Hilfe den Veranstaltungsort und einen wunderbaren Parkplatz ganz in der Nähe des Start-Ziel Bereiches. Nach der Abholung unserer Startnummern bauen wir unseren Versorgungsstand auf und beginnen die übliche Diskussion über die Getränke-, Essens- und Kleidungswahl. Bis es Zeit für den Start ist, haben wir uns zum Glück entschieden, einen guten Platz für unseren Klapptisch und den Klappsessel sowie unser Novum: eine Klappbox mit wasserfestem Deckel gefunden, etliche Bekannte aus der Ultra Lauf Szene getroffen und die üblichen Handgriffe getätigt. Ich vermisse das Bauchkribbeln, die Nervosität, die Angst vor dem Schmerz. Ich weiß, dass ich diesmal nicht laufen werde. Und mangels Erfahrung im Nordic Walken weiß ich nicht, was diesbezüglich auf mich zukommen wird.

Im Startbereich sehe ich noch eine ganze Reihe anderer Nordic Walker. Aber irgendwie sehen die fast alle sehr professionell aus. Michael EPP ist hier, Nordic-walking Profi und will soweit ich mitbekommen habe, einen neuen Rekord in Angriff nehmen. Die Bleiburger Walker scheinen auch eine Klasse für sich zu sein und ich schiele etwas nervös auf meine Hofer-Alu-Prügel, die zwischen all den LEKI Stöcken etwas armselig wirken. Egal. Auch mein Tchibo-Komplett-Outfit ist wohl der Ernsthaftigkeit des Anlasses nicht ganz angepasst. Aber eigentlich wollten wir ja nur zum Guten Zweck ein wenig walken?? Ich habe irgendwie verdrängt, dass "nur ein wenig" im Vokabular von Sportlern nichts verloren hat. "Entweder - oder " heißt die Devise und so geht es nach dem Startschuss gleich zackig los.

Die nordic walkenden Profis erkennt man daran, dass sie ihre Stöcke von den Gummipuffern befreit haben und mit lautem "klack-klack" früh genug zu hören sind, damit wir rechtzeitig ausweichen können. Papa und ich versuchen, jedes Mal wenn wir von einem wesentlich schnelleren Nordic Walker überholt werden, dessen Stil zu kopieren. „WAS MACHEN DIE ANDERS, um so schnell zu sein???“ fragen wir uns. Das Fazit nach etwa vier Stunden für mich persönlich nach Vergleich all der vielen verschienen Stile ist: Die machen nix anders, aber irgendwie machen sie das viel, viel schneller als wir...

Bei der vorgeschriebenen Besprechung vor dem Start wurden die "gemütlicheren" (und zu denen zähle ich uns heute) bzw "langsameren" Athleten vom Veranstalter gebeten, uns rechts auf der Strecke zu halten, was bei einem linksgeführten Rundkurs sozusagen die Außenbahn ist. Dies deshalb, weil es auch heuer wieder etliche Rekordversuche von Läufern bzw. von eben dem erwähnten Herrn EPP geben wird. Es ist aufregend, live mit zu erleben, wie diese Starter an uns vorbeifegen, scheinbar ohne müde zu werden, Runde um Runde abspulen. Da mein Papa und ich die Strecke gemeinsam bewältigen wollen, gehen wir eng nebeneinander ganz am rechten Rand, um niemanden zu behindern. Das hat den Effekt, dass ich aufgrund meiner mangelhaften Nordic Walking Erfahrungen regelmäßig über meine Stöcke stolpere. Aber ich nütze auch gelegentlich die Stöcke vom Papa oder einem anderen gemütlichen Nordic Walker, um drüberzufallen. Am Ende des Tages werden meine Schienbeine blitzblau geschlagen sein. Am Abend zähle ich 18 (!!!) Schlagmale zusammen. Aber das weiß ich jetzt noch nicht.

Was ich jetzt schon lerne, ist die Tatsache, dass man als Läufer beide Hände frei hat, um sich ein Getränk zu nehmen, eine Banane zu schälen oder den Schweiß abzuwischen. Als Nordic Walker kann man entweder auf diesen Luxus verzichten, eine kleine Pause einlegen oder einen Stock locker vom Handgelenk schlenkern lassen, während man den Becher Wasser zum Mund führt. Dies hat dann - zumindest in meinem Fall - das Ergebnis, dass man diesen schlenkernden Stock zwischen die Knie bekommt und - erraten - sich fast auf die Nase legt. Aber das Leben ist ein Lernprozess und bald habe ich den Dreh einigermaßen heraußen.

Da ich ziemlich von dem ungewohnten Sportgerät in Anspruch genommen bin, habe ich diesmal nicht so viel Zeit, die Umgebung und die anderen Starter zu beobachten. Aber natürlich ergibt sich wieder ein kurzer Tratsch mit Dietmar "Pumuckl" Mücke und ich kann auch einige bekannte Läufer ab und zu anfeuern. Nachdem ich mich dauernd nach hinten umsehe, um rechtzeitig auszuweichen wenn ein größerer Pulk Läufer kommt, habe ich auch meine "Favoriten" immer früh genug gesehen. Aber irgendwie weiß ich oft nicht, was ich ihnen zurufen soll. Es ist so ungewohnt. Nicht am Streckenrand zu stehen, aber auch nicht mit zu laufen. Didi MACHER ist wieder da und oft ruft er uns etwas zu, wenn er uns überrundet. Es ist gut drauf und läuft fast 73 Kilometer in den sechs Stunden.

Obwohl viele der „üblichen Verdächtigen“ heute fehlen (der Eigner-Express hat keinen einzigen Starter hier und auch vom ASKÖ Laufwunder ist nur ein einziger Starter gekommen) sind etliche Bekannte unterwegs und da ich heute sehr oft von ihnen überrundet werde, ergibt sich manches kurze und kurzweilige Geplänkel („Hey Birgit, was MACHST Du da???“ „Ich walke“… „DU als Läuferin GEHST???“ „Siehst Du ja. Und wie läufts bei Dir?“ „Danke, es geht…". Und ich komme sogar ins Schwitzen. Nach einigen Runden muss ich mein langärmeliges Shirt bereits ausziehen und gehe in meinem weißen Untershirt weiter. Das war zwar so nicht geplant, aber wer konnte denn auch ahnen, dass „bewaffnetes spazieren gehen“ so anstrengend ist? Ich bin wirklich ein Unwissender auf dem Gebiet des Nordic walking.

Das Wetter ist von Anfang an trüb und zwischendurch ziehen bedrohliche Wolken am Himmel auf. Aber bis zum Schluss bleibt es trocken.

Nicht so trüb ist das Outfit mancher Läufer. Besonders ins Auge springt mir der „rosarote Panther“, der mit pinkfarbenem Kopftuch, Shirt und sogar Laufhose Mut zur Farbe zeigt.

Auffallend auch eine Dame, die als Einzelstarterin unterwegs ist. In sehr frühlingshaften Leuchtfarben lässt sie sich absolut nicht übersehen. Von Haus aus für eine Frau groß gewachsen und von kräftiger Statur zeigt sie nicht nur mit einer Sonnenblume am Kopftuch sondern auch einem strahlenden Lächeln, dass sie Freude an der Bewegung hat. Tapfer dreht sie Runde um Runde, anfangs läuft sie, später sehe ich sie mal gehen, mal laufen. Über 39 Kilometer legt sie zurück.

Es gibt heuer auch eine größere Anzahl von Laufröcken, manche mit kurzer und andere mit knielanger Hose darunter. Sogar ein schwarzes Laufkleid (das aber vermutlich als Tenniskleid geboren wurde) sehe ich und bei den Kurzentschlossenen, die ein paar Runden „für den guten Zweck“ drehen, gibt es hin und wieder auch Jeans und Straßenschuhe zu bewundern.

Ein wahrer Augenschmaus sind wie immer die schnellen Einzelstarter. Dominik Pacher, schlank und rank federt er an uns vorbei. Sein Tempo ist fast schon unheimlich, genauso wie das von Andreas Pfandlbauer. Bei beiden denkt man erst, sie wären Staffelläufer, so schnell und kräftezehrend scheint ihr Tempo zu sein. Dominik schafft 82,443 Kilometer, Andreas legt mit 76,171 Kilometern eine für mich genauso unvorstellbare Strecke zurück.

Für Papa gestaltet sich der Walk anfangs recht schmerzhaft, weil seine Beinhaut erst einmal "warm werden" muss. Zwischendurch kann er schmerzfrei seine Runden drehen, aber zum Ende hin quietschen bei uns beiden die Gelenke. Ich muss feststellen, dass ausgemusterte Laufschuhe nicht als Walkingschuhe taugen. Und für Laufsocken gilt dasselbe. Auch die Haltung der Stöcke korrigiere ich in diesen sechs Stunden mehrmals. Nachdem die ersten Blasen an den Handinnenseiten aufgeplatzt sind und die Feuchtigkeit sich mit der Farbe der Kunststoffteile am Griff vermischt hat, wird mir klar, dass ich irgend etwas falsch mache. Ich versuche, die Stöcke mehr loszulassen, bekomme sie dann aber nicht mehr schnell genug unter Kontrolle, um den nächsten Schritt mit dem richtigen Arm zu begleiten. Zwischendurch halte ich die Stöcke wie Essstäbchen, dann wieder teste ich eine gezierte Haltung, die sich genauso wenig bewährt. Ich resigniere. Es gibt keine schmerzlose Art, sechs Stunden lang Stöcke mit sich herum zu tragen, wenn man sich über den Stil noch nie zuvor Gedanken gemacht hat. Von Zeit zu Zeit spüre ich ein leichtes "Plopp", danach rinnt wieder etwas Flüssigkeit an der Innenseite meiner Handflächen entlang und ich weiß, dass wieder eine Blase aufgeplatzt ist.

Zwischendurch eile ich ein Stück voraus, decke mich mit Bananen und Wasser ein und schließe wieder auf Papa auf. Er hat vor dem Start zwei kleine Kunststoffflascherl mit Red Bull befüllt und weil ich keinen anderen Platz dafür finde, um die Hände frei zu bekommen, stecke ich das Ding unterwegs in den Sport-BH. Von Vorne ist kaum etwas zu erkennen. Wer meine mächtige Oberweite kennt, kann sich jetzt vorstellen, dass es sich um ein wirklich sehr kleines Flascherl handelt. Eine kleine Sockenpause müssen wir auch einlegen, denn mein Papa spürt eine deutliche Blasenbildung. Aber es hilft nichts. Wir müssen weiter, aufgeben stand nie zur Debatte.

Einmal reichen ein paar Begleiter eines anderen Teams plötzlich Bananen zu uns herüber. Einfach so. Papa nimmt eine Banane entgegen und wir bemerken, dass diese komplett zerdrückt und weich ist, die Schale ist aber noch makellos. Der „Unfall“ der Banane muss also gerade eben passiert sein. Papa beißt ein kleines Stück ab und reicht die Frucht dann an mich weiter. Ihm taugt das nicht so sehr, aber mir schmeckt die Banane in ihrem „zergatschten“ Zustand sehr gut. Sie erinnert mich an selbst gemachtes Fruchtmus aus meiner Kindheit. Ich esse sie fast ganz alleine auf.

Mehrmals überrunden wir eine Dame mit einer Unterschenkelprothese. Sie walkt tapfer Runde um Runde, mich erfüllt jedes Mal tiefer Respekt für ihren Willen, solch einen Bewerb mit ihrem Handicap zu absolvieren. Über 23 Kilometer hat sie am Ende geschafft und bei der Siegerehrung werden wir uns alle aus Anerkennung für ihre Leistung von unseren Sitzplätzen erheben, was sie zu Tränen rührt.

Mein linkes Schienbein schmerzt und es wird immer schlimmer. Ich weiß nicht, ob das nun bedenklich ist oder etwas, das mich nur vorübergehend beeinträchtigt. In der vorletzten Runde schaffe ich, was ich bisher immer verhindern konnte: ich fädele mit dem rechten Stock in einem Kanalgitter ein und es schleudert mich richtiggehend zurück. Aber zum Glück habe ich den Stock weder verbogen noch das Flüsterstöpserl abgerissen. Papa schimpft ein bisschen, weil ich so unvorsichtig war.

Die letzte Runde bricht an. Als die Schluss-Sirene ertönt, übergebe ich meine Startnummer an Papa und laufe los in Richtung Labestelle. Es ist ein befreiendes Gefühl, endlich traben zu können. Der Versuch, so schnell wie möglich zu walken, dabei aber trotzdem nicht in einen Laufschritt zu verfallen, hat mich teilweise enorm angestrengt. An der Labestelle decke ich mich mit einigen Getränken ein, unterwegs habe ich noch ein paar Bestellungen aufgenommen, die ich nun gewissenhaft abarbeite. Leider gibt es kein Cola mehr und so kehre ich mit Eistee und Schartner Limo zurück. Bis ich bei Papa angekommen bin, habe ich nur noch unsere Getränke bei mir, unterwegs war ich aber ziemlich bepackt :-)

Die Restmetervermessung ist schon an Papa vorüber, der gemeinsam mit Christine Konrad in meine Richtung unterwegs ist. Wir spazieren gemütlich zurück, plötzlich kommen die Schmerzen mächtig in meinen Körper. Als mir ein Profiwalker seinen Stil erklärt, schaffe ich es nicht, ihn nachzuahmen. Zu sehr tut es weh. Wir bauen unsere Labestelle ab und räumen die Sachen ins Auto. Das übliche "nie wieder" Geschwöre, das jedem halbwegs anspruchsvollen Wettkampf unweigerlich folgt, lassen wir natürlich auch diesmal nicht aus und wissen beide, dass wir spätestens, wenn der ärgste Muskelkater weg und alle unnötigen Zehennägel abgegangen sind, wieder Pläne für den nächsten Start wälzen... :-)

Meine Füße schauen diesmal fürchterlich aus, mehrere Blutblasen steche ich gleich vor Ort auf und ein Zehennagel kündigte mir auch deutlich die Zusammenarbeit auf. Wie gesagt: Ausgemusterte Laufschuhe sind KEINE Nordic Walking Schuhe. Die Socken werfe ich eine Woche später weg, weil die Blutflecken auch nach dreimal Waschen nicht mehr heraus gehen. Tja, es waren ohnehin no-name Sportsocken...

Ach ja. Mit unseren 43,075 Metern reicht es bei mir immerhin für einen zweiten Platz bei den Damen und Papa erringt die ehrenhafte "Holzmedaille" (vierter Platz) bei den Herren +50 in der Nordic Walking Klasse.

22.4.12 22:47


mal wieder ein cooler laufblog link

Mit Zustimmung von Laufmaus Elke, einer Streakrunnerin aus dem schönen Deutschen Land, die zwar genau ein Monat später, aber dafür ein paar Jahre früher geboren ist..  I proudly present:

http://mein-streak.over-blog.de/

8.11.11 17:41


Der Graz Marathon 2011, katzie on the road again

So begeistert war ich vom Geländelauf, dass ich mir gleich ein Paar supertolle Adidas Geländelaufschuhe (Kanadia) gekauft habe. Und dann das: runningwilli.com verlost Startplätze für den Graz Marathon. Ich schaffe es zwar noch nicht einmal würdevoll über die Stiege hinunter und nehme natürlich an der Verlosung teil. Kommentar überflüssig.

Irgendwie dachte ich mir wohl: wenn ich den Startplatz wirklich gewinne, dann soll es wohl so sein. Und es war so. Genau an dem Tag, an dem ich meinen ersten kurzen, regenerativen Lauf machte und bemerkte, dass ich noch immer ganz schön viel Aua habe, landete eine kurze Notiz mit dem Inhalt in meiner mailbox: Gratuliere, Du hast einen Elite-Startplatz für den Grazer Marathon gewonnen! Na dann, hardcore-regenerieren ist angesagt!

Mit dem Code, den ich erhalte, melde ich mich gleich über pentek-timing an und am Samstag hole ich meine coole Elite-Startnummer: 76 und mein Vor- und Nachname stehen darauf. Na super, jetzt ist mein Name so klein geschrieben, dass niemand „Hoppauf, Birgit“ rufen wird, weil man schon akut weitsichtig sein müsste, um meinen ganzen Namen im Vorbeilaufen entziffern zu können.

Auch in der ersten Reihe starte ich nicht. Was täte ich dort, außer mich von den Schnellen kaputttreten zu lassen? Trotzdem: ich freue mich total auf den Lauf. Danke, willi! (gemeint ist Willi Prokop von runningwilli.com)

Am Sonntag, dem 09. Oktober 2011 um 08:00 Uhr steht Papa vor der Tür. Ich habe bereits gefrühstückt und überlege gerade, was ich anziehen soll. Eigentlich ist mir klar, dass ich dieselben Sachen wie beim Wörthersee Trail anziehen werde. Das Fahrradtrikot von unserem Club, die 2XU Hose und die weißen Cep Stutzen. Dazu diesmal die Brooks green Silence Schuhe, schließlich laufe ich ja auf der Straße. Aber schon auf dem Weg zur Bushaltestelle entscheiden Papa und ich, dass ich noch einmal zurück in die Wohnung laufe und die ASICS Gel Tri Noosa anziehe. Never change a winning shoe!

Viel zu früh sind wir am Jakominiplatz und ich schau kurz in der Firma vorbei, um noch aufs Klo zu gehen und meine Trinkflasche für nach dem Rennen frisch aufzufüllen. Dann begeben Papa und ich uns in den Startbereich. Dauernd trifft mein Papa Leute, die ihn kennen und so bleiben wir immer wieder stehen und ein paar Worte werden gewechselt.

Am Vortag habe ich noch einen kleinen Lauf gemacht. 1,5km Einlaufen, 2km im geplanten Wettkampftempo und 1,5km Auslaufen. Es war okay, super fühlt sich definitiv anders an.

Das übliche Startgeplänkel, Papa macht eine ganze Reihe von Fotos von mir im vorderen Startblock, wo noch kaum Läufer sind. Ich stelle mich am Dixi Klo an und husche dann wieder in den Startblock, der sich langsam füllt. Ich bin ziemlich nervös, denn ich fühle mich weder fit noch müde, irgendwie fühle ich mich so merkwürdig leer. Eine gespannte Erwartungsfreude, wie bei jedem Lauf ist natürlich vorhanden. Aber ich muss dauernd gähnen, obwohl ich ausreichend geschlafen habe. Die letzten zwei Wochen habe ich extrem viel geschlafen und trotzdem gähne ich dauernd. Egal. Ich bin jetzt hier, es ist Sonntag und jetzt wird erst mal ein bisschen Marathon gelaufen und dann kann ich mir wieder Gedanken über meinen Zustand machen.

Endlich die üblichen letzten Worte vor dem Start, die Eliteläufer werden genannt, dann der Countdown heruntergezählt. Startschuss gibt es keinen. Drei, zwei, eins.. öhm???? Go! Wir laufen los.

An der Kreuzung Burgring/Elisabethstraße singt wieder Elvis. Ich bilde mir ein, der hatte voriges Jahr noch nicht so schütteres Haar am Hinterkopf. Naja, niemand wird jünger. Ich starte schließlich heuer auch schon in der W35.

Das Univiertel liegt noch in tiefem Schlaf, außer den Streckenposten und den Polizisten sind nur die Läufer unterwegs. Erste Spuren von Leben gibt’s erst in der Schubertstraße. Ein paar Frühaufsteher stehen da und lächeln uns entgegen. Kein Anfeuerungsgeschrei, man möchte ja niemanden aufwecken. Die Bands spielen aber trotzdem schon und auch heuer sind einige wirklich gute Gruppen dabei.

Ich habe mir vorgenommen, an den Labestellen diesmal immer Iso zu trinken und daran halte ich mich auch. Es gibt Powerade und ich werde in den Genuss aller verfügbaren Geschmacksrichtungen kommen. An der ersten Labestelle ist es das wenig aufregende orangefarbene Powerade, das mir mit den Worten „Iso, Iso“ angepriesen wird. Es ist stark verdünnt, sodass ich mir um meinen Magen keine Sorgen zu machen brauche. An der Kreuzung Parkstraße/Wickenburggasse sehe ich ein bekanntes Gesicht, bin mir aber nicht ganz sicher und nehme mir vor, in der nächsten Runde genau hinzuschauen. Zum Glück laufen wir in Graz ja zwei idente Runden.

Am Lendkai gibt es nicht nur Beschallung durch einen Radiosender sondern auch einen Stand mit Powerade Flaschen in blau. Ich schnappe mir auch hier ein Getränk und nuckle daran. Irgendwie widerstrebt es mir, die ½ Liter Flasche nach nur wenigen Schlucken weg zu werfen. Ich trage sie eine Weile mit mir herum, trinke immer wieder davon, aber schließlich stört mich die etwas unhandliche Flasche doch zu sehr und ich werfe sie bedauernd zur Seite. Noch immer halbvoll. Was für eine Verschwendung. Aber vermutlich wäre die Produktion von 0,3 Liter oder 0,2 Liter Flaschen, die für eine Marathon Labestelle sicher praktischer wäre, nicht sehr ökonomisch. Sicher käme dann die Verpackung ungleich teurer als der Inhalt.

Auf Höhe Edegger Steg steht Papa mit dem Fotoapparat. Ich laufe ganz links und obwohl er auf der rechten Straßenseite steht, hat er mich früh genug gesehen. Für ein Foto bin ich aber im Läufergewusel zu gut versteckt. In der ersten Runde laufen noch die ganzen Halbmarathonis mit und auch der city run findet auf derselben Strecke statt. Bald tauchen auch die Tafeln auf, die den city run von der Marathonstrecke trennen. Am Grieskai erwarte ich die grottenschlechte Band vom vorigen Jahr, aber diesmal gibt’s Musik aus der Konserve. Und nicht mal schlechte. Die nächste Transpondermatte liegt in der Unterführung zum Kreisverkehr Lagergasse. Ich schaue auf meine Uhr und denke, dass ich vermutlich gar nicht übel in der Zeit liege. Die Stoppfunktion habe ich schon wieder deaktivieren müssen, nachdem sie sich durch etliche höherwertige Pulsuhren beeinträchtigt aufgehängt hat. Ich laufe nach Uhrzeit. Es ist 10:51 Uhr. Wir sind laut meiner Uhr kurz nach 10:01 Uhr gestartet, also bin ich irgendwo um die 50 Minuten unterwegs. Sehr gut. Tempo halten.

In der Puchstraße steht wieder ein Eishockeyclub und feuert die Läufer an. Ich freue mich. Dann geht es an die Peripherie, durch das Gewerbegebiet, das landschaftlich nicht gerade eine Offenbarung ist. Auch architektonische Juwelen erwartet man hier vergeblich.

In der Puntigamer Straße spüre ich das erste Mal, dass etwas nicht stimmt. Mein rechter Oberschenkel zuckt. Es fühlt sich an, als würde ich schwache Stromstöße bekommen. Ich verkürze meine Schrittlänge und alles ist wieder gut. Das Tempo leidet darunter. Aber wenigstens leide nicht ich.

An der Labestelle in der Kasernstraße stehen gleich zwei Kollegen und die Kollegin feuert mich an: „Gib Gas, Birgit!“ Ein Mitläufer meint überrascht: „Das sagt normalerweise kein Polizist zu einem.“ Diesen Spruch werde ich heute noch ein paar Mal hören. Immer, wenn ein Kollege mich erkennt und „gib Gas, Birgit“ ruft.

Als wir durch den Augarten laufen, verfluche ich meinen Optimismus. Warum habe ich mich nicht für den Halbmarathon gemeldet, dann hätte ich es gleich hinter mir. Aber ein Marathon ist ein Marathon. Ich kenne mich und weiß, dass nur der „Ganze“ diese Befriedigung verschafft. Es geht in meine homelands. Marburger Kai, hallo Herr Kollege, Kaiser-Franz-Josef-Kai, hallo Papa, Wickenburggasse/Sackstraße, hallo Herr Kollege,  Herrengasse auch hier stehen Bekannte, Opernring. Es ist wirklich ein Heimrennen, ich erkenne immer wieder Leute am Streckenrand, Sportkollegen und Arbeitskollegen. Kurz vor dem Zielbogen geht es links an den Tafeln vorbei, die Halbmarathon Läufer dürfen schon rechts ins Ziel laufen. Noch 21,1 Kilometer. Öfz. Zweite Runde.

Opernring, hallo Herr Kollege. Er grinst mich an: „Jetzt kommst Du erst daher?“ Wieder vorbei an Elvis. Schon wieder dasselbe Lied. Meine Cousine, die gleich in der Nähe wohnt, hat mir voriges Jahr berichtet, dass Elvis zwar nicht schlecht singt, aber sein Repertoire nicht besonders groß ist. Daran muss ich jetzt denken. In der Schubertstraße gibt’s zusätzlich zur dort stehenden Band private Beschallung, die Familie vom vorigen Jahr steht wieder gegenüber der Universität und der Junior trägt heuer ein Ritterkostüm. Putzig. Aber der junge Mann denkt sich bestimmt auch seinen Teil, immerhin sind etliche Läufer verkleidet unterwegs. Biene Maja hab ich gleich nach dem Start gleich in doppelter Ausführung irgendwo herumlaufen gesehen, die hatten soweit ich mich erinnern kann Halbmarathon Startnummern.

Als ich von der Wickenburggasse in die Körösistraße einbiege, tut es schon richtig weh. Verdammt. Ich habe das Gefühl, schneller laufen zu können. Kraft ist noch da. Aber immer, wenn ich versuche, längere Schritte zu machen fährt mir ein elektrischer Schlag an der linken Oberschenkelrückseite hoch. Ich mache wieder kürzere Schritte. Leider kann ich aber die „Schlagzahl“ nicht erhöhen. Beschleunigung funktioniert bei mir nur über eine Vergrößerung der Schrittlänge. Und das scheidet jetzt aus. So muss es sich anfühlen, wenn das Getriebe beim Auto kaputt ist und man nur noch bis zum dritten Gang schalten kann. Ach, ich kenne das Gefühl ja, hatte das einmal beim meinem Motorrad. Es war quälend. Und das hier ist es auch.

Der Powerade Stand am Lendkai ist inzwischen abgebaut, dafür steht eine junge Dame an der Strecke und verteilt Red Bull ride shots. Feine Sache, ich greife begeistert zu. Fliegen wär jetzt super! Den ride shot stecke ich derweil in die hintere Tasche meines Radtrikots und plane, wann ich ihn konsumieren werde. Bei Kilometer 35, beschließe ich. Aber es wird dann doch etwas früher. Schon in der Puchstraße kämpfe ich mit der Versiegelung an der Verschlusskappe. An der Labestelle gibt es grünes Powerade. Oder habe ich schon Wahnvorstellungen? Vielleicht ist das blaues und oranges Powerade zusammengemischt? Was weiß denn ich… zwei Stück Traubenzucker habe ich noch in der Rückentasche. Schmerzmittel wären mir lieber.

Im Augarten schiebe ich mir das letzte Stück Traubenzucker in den Mund und trabe dahin. Autsch, autsch, autsch. Ich versuche, mich gedanklich abzulenken. Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir auf Höhe Kaiser-Franz-Josef-Kai, was ich schon längst wusste: um diese Zeit war ich voriges Jahr schon im Ziel. Noch fast zwei Kilometer. Ich versuche, das Tempo noch einmal anzuziehen, aber nix. Ich versuche, schnellere Schritte zu machen, aber das schaffe ich einfach nicht. Vielleicht sollte ich diesbezüglich mein Training intensivieren (Bitte, Papa, das hast Du jetzt NICHT gelesen!) Durch die Sackstraße laufend beginnen die körpereigenen Endorphine zu wirken. Bald bin ich im Ziel. Am Hauptplatz beendet die Band gerade ihr Lied, als ich vorbeilaufe. Ich höre Anfeuerungsrufe und beginne zu strahlen. Smile katzie. Durch die Herrengasse wird mein Grinsen immer breiter und  nur die Ohren verhindern, dass ich rundherum grinse. Links um die Kurve sehe ich den Zielbogen und davor den anderen Bogen, dessen Sinn mir bis heute nicht klar ist. Ich denke an runningwilli, der in seinem Podcast erzählt hat, wie er auf den falschen Bogen zugesprintet ist. Der Opernring ist durch die Schlägerung der alten Bäume ein richtiger Prachtboulevard geworden, geht mir durch den Kopf. Ich schaue nach vorne, laufe weiter. Über die Transpondermatte reiße ich die Arme hoch. Es fühlt sich kein Stück triumphal an, die Zeit ist 03:49,38. Elf Minuten langsamer als voriges Jahr. Aber ich bin froh, es geschafft zu haben, die Zeit ist nicht einmal so schlecht wie sie angesichts der Vorgeschichte sein hätte können.

Neben mir im Zielkanal fällt ein Mann vor dem Freiwilligen auf die Knie, um sich die Medaille umhängen zu lassen. Das lasse ich lieber bleiben, womöglich komme ich danach nie wieder hoch! Ich spaziere zum Gitter, lasse mir von Papa etwas Warmes zum Überziehen reichen und stelle mich dann um einen Teller „Marathonsuppe“ an.

Als wir gemütlich am Rand der Veranstaltung stehen und ich die heiße Suppe löffle, spüre ich das angenehme Kribbeln der Mattigkeit in den Beinen und denke zufrieden: „War doch gut, gelaufen zu sein.“

25.10.11 07:34


Wörthersee Ultra Trail 2011 - Katzie goes offroad

Wie macht man aus einer Hauskatze eine Wildkatze? Man lässt sie an einem Geländelauf teilnehmen. In einem Anfall von "das muss man einfach mal probiert haben" meldete ich mich also für den Wörtherseetrail an. 57 Kilometer im Gelände, 1800 Höhenmeter und Wurzeln, Steine, Matsch und Forstwege. Die Vorbereitung machte ich auf der Straße. Immerhin bin ich zumindest auf Bergstraßen gelaufen, habe also die Selbstsabotage diesmal nicht ganz so konsequent betrieben wie sonst. Aus meinen geplanten drei Wochen Urlaub im September wurden schließlich vier Tage. Auch gut. Am zweiten Tag bin ich von St. Anna weg auf den Zirbitzkogel hinaufgelaufen. 1.100 Höhenmeter über Geröll und Wurzeln. Beim Hinunterlaufen hats mich dann gewaltig zerlegt, aber dank meiner katzenhaften Eleganz habe ich mich geschickt abgerollt und so war ich zwar mächtig dreckig, hab mir aber nicht mal meine Laufsachen zerrissen. Trotzdem muss mein Landeanflug auf die Geröllhalde gewisse Schwächen gezeigt haben, denn am nächsten Morgen war meine linke Hüfte und fast meine ganze rechte Körperseite von blauschwarzen Flecken übersät. Und sehr schmerzaktiv.

Noch ganze drei Tage bis zum Tag X. Genug Zeit, um wieder völlig zu heilen dachte ich. Und so hievte ich am Freitag meinen schmerzenden Körper in mein Auto und fuhr an den Wörthersee, um meine Startnummer zu holen. Zuvor führte ich noch ein langes Telefonat mit einem Bekannten, der sich die Strecke schon angeschaut hatte. Der machte mir nicht grade Mut, indem er sagte, dass es wohl eine verdammte Quälerei wäre, bei meinem momentanen Trainingszustand und jetzt auch noch verletzt, die gesamte Strecke zu laufen. Ich würde also versuchen, meine Anmeldung auf eine der Unterdistanzen (30 oder 15 Kilometer) umzuändern.

Als ich dann am "helpdesk" war und eine nette Dame mir erklärte, was beim Trail auf mich zu kommen würde, beschloss ich tatsächlich, auf den 30-Kilometer Allin Trail zu wechseln. Da stand ich also und sah, dass meine Startnummer schon ausgedruckt und mit meinem Namen versehen war.. und in dem Moment fiel die Entscheidung: Nein, ich werde den Langen laufen. Egal wie, es wird gehen müssen. Fertig. Und ich schnappte mir die Startnummer, den Chip und das Startersackerl und begab mich zurück zum Campingplatz, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Weil ich noch etwas Zeit bis zur Wettkampfbesprechung hatte, ging ich noch einmal in mich, um das eben erlebte zu analysieren. Das Ergebnis: folge Deinem Herzen. Alles andere taugt nix. An einem Stand für Kompressionswäsche erstand ich Bandagen für meine Oberschenkel und zog die gleich an. Danach war es mir zumindest fast schmerzfrei möglich, Gehsteigkanten zu überwinden. Der Sturz am Zirbitz hing mir noch ganz schön nach und ich beschloss, meinen Zustand am nächsten Morgen als allerletzte Entscheidungshilfe über Start oder Nichtstart zu verwenden.

Am Abend ging ich relativ früh schlafen, nachdem ich noch ein wenig mit dem Laptop im Internet herumgesurft war und alles, was ich zum Thema Wörtherseetrail gefunden hatte, gelesen hatte.

Um 06:00 Uhr am 24. September 2011 läutet mein Wecker und ich klettere ächzend aus dem Bett. Schmerz ist das erste, was mich durchzuckt. Mein geprellter (oder gequetschter, wer weiß das schon) Oberschenkelmuskel links und mein verletzter Unterschenkelmuskel rechts verhindern nachhaltig ein würdevolles Verlassen meines Autos, als ich mich in Richtung WC aufmache. Jedes Bröckchen Vernunft in mir sagt: "So kannst Du nicht an den Start gehen." Aber da ist noch das Wissen von anderen Veranstaltungen, dass ich vor dem Start IMMER Phantomschmerzen habe.. diesmal sind sie halt wirklich real... und dass es irgendwann sowieso IMMER weh tun wird auf so einer Distanz, das ist mir auch klar. Also, warum nicht starten?

Ich nehme reichlich Kohlenhydrate zu mir (Peerotonriegel und Getränk) und dazu einen Magenwohl-Tee und dann ziehe ich mich in aller Ruhe an. Um 07:20 Uhr bin ich fertig und bereit, an den Start zu gehen. Obwohl ich noch ein wenig herumtrödle, stehe ich schließlich um 07:40 Uhr in der Trail City herum und beobachte die anderen Läufer, die irgendwie alle zu wissen scheinen, was sie hier tun. Ich habe mir einen Spruch aus der facebook Gruppe des Wörthersee Trails auf den Unterarm gekritzelt "Du weißt, warum Du hier bist, also kämpfe" und mir vorgenommen, diesen zu beherzigen.

Das Wetter ist kühl, aber nicht kalt und der Himmel bedeckt. So kann es bleiben, das wäre das perfekte Läuferwetter! Kurz vor 08:00 Uhr spricht mich Ulli Striednig an und ich bin total happy, wenigstens EINEN Bekannten zu treffen. Ulli strahlt so viel Zuversicht und Begeisterung aus, dass ich plötzlich gar nicht mehr verstehe, wie ich Zweifel daran haben konnte, was ich hier mache.

Um kurz nach 08:00 Uhr wird dann über Lautsprecher der Countdown von einer magisch klingenden Stimme heruntergezählt und alles erscheint mit einem Schlag ein wenig unwirklich und besonders und endlich dürfen wir loslaufen. Jeder Schritt schmerzt. Ich versuche, meine Gedanken abzulenken, indem ich mich auf die Läufer rund um mich herum, die Stimmung, den Lauf konzentriere. Es gelingt nur ansatzweise.

Die Strecke führt erst über ein schmales Asphaltband durch einen Park und als wir nach ein paar hundert Metern über die Wiese abkürzen, habe ich das Gefühl, dies geschieht nur, weil es keiner mehr erwarten kann, endlich Natur unter den Sohlen zu haben.

Nach der Unterführung geht es noch einmal um die Ecke, wo der Streckenchef steht, der mit allen Läufern abklatscht und uns einen guten Lauf wünscht. Plötzlich schiebt sich das Läuferfeld, das sich gerade zu entzerren begonnen hat, wieder zusammen. Wir gehen. Die erste Steigung liegt vor uns und da die Läufer vor uns bergauf gehen, müssen auch wir unseren Lauf unterbrechen und warten geduldig, bis wir über die steinernen Stufen bergauf wandern können. Ich wundere mich. Soll das nun so weitergehen? Ist Trailrunning denn in Wahrheit eine Art forciertes Wandern im Gelände - zumindest in der Geschwindigkeitsgruppe, in der ich mich bewege?

Dann geht es wieder flott weiter, über Stock und Stein und sehr wurzeligen Untergrund, eine kurze Asphaltpassage und das erste Bergabstück liegt vor mir. Es erinnert vom Aussehen her an einen guten Mountainbike Downhill trail. Von der Sorte, die einen Federweg von mindestens 15 Zentimetern erfordern. Vollgefedert, versteht sich! Dank der Gewohnheit, weit voraus zu schauen (danke, Grunzi für die Blicktechnik-Trainings beim Motorradfahren und danke Rainer für die "never stop" Hinweise im Downhilltraining!) habe ich bald ein respektables Tempo beim Bergablaufen gefunden. So lässt sich der nächste steile Anstieg, den ich wieder im Wandermodus bewältige, leicht verkraften.

Schon bald habe ich ein System gefunden, mit dem ich mich anfreunden kann. Bis zu einer gewissen Hangneigung kann ich laufen, ab dann wird marschiert. Bergab gehts dann mit vorsichtigem Tempo. Ich habe ziemlichen Bammel davor, mir den Haxen zu brechen, irgend eine Sehne abzureissen oder einen Muskel zu zerren und daher lasse ich es auch bergab nicht so richtig krachen. Aber ich fühle mich nicht schlecht durch die Sicherheit, die ich im Gelände vom Downhillfahren habe. Auch wenn mir klar ist, dass mein wildes Herumrudern mit beiden Armen vermutlich eher blöd ausschaut. Aber ich fühle mich so sicherer und hier im Wald sieht es eh kein Unbeteiligter.

Nach kürzester Zeit - so kommt es mir zumindest vor - taucht die erste Labestelle auf. Ich schaue überrascht auf, denn die Zeit vergeht für mich wie im Flug. So aufregend und spannend ist das alles, so unterschiedlich ist der Untergrund und so wunderschön sind die Szenen im herbstlichen Wald, dass ich noch gar nie auf die Uhr geschaut habe. Aber das hätte ich mich auch nicht getraut, aus Angst, eine Wurzel zu übersehen.

An der ersten Labestelle gibt es heiße Suppe und alle Arten von Getränken, Bananen und Dinkelgebäck, sowie - angeblich hausgebackene - Müsliriegel, die in kleine Quadrate geschnitten sind. Ich schnappe mir einen Becher Wasser und zwei Stück Dinkelgebäck und marschiere ein Stück, während ich nachtanke. Meine eigene Trinkflasche habe ich derweil in die Rückentasche des Fahrradtrikots gesteckt in der sich auch schon meine Sonnenbrille befindet. Notiere die Erkenntnis Nr. 1: Beim Trailrunning im Wald braucht man definitiv keine Sonnenbrille!

Dann laufe ich wieder los und komme überraschend schnell wieder in meinen Schritt. An einer steilen Bergabpassage steht ein Fotograf. Ich versuche, in die Kamera zu schauen, bleibe aber zeitgleich irgendwo am Boden mit dem Fuß hängen und schaffe es gerade noch, nicht publikumswirksam mit meiner Nase eine Furche in den Waldboden zu ziehen. Der Fotograf ist erschrocken zur Seite gesprungen, also gibt es keine Beweisfotos meiner uneleganten Weise, das Gefälle zu bewältigen. Sehr gut.

Während ich vor mich hin laufe, höre ich anderen Läufern zu, die sich unterhalten. Da geht es um andere Veranstaltungen, Bergläufe, Ultraläufe und Krankheiten. Immer wieder tauche ich in einen Schwall von Erzählungen über alle möglichen Zipperlein. Merkwürdig. Aber vielleicht versuchen die alle grade, eine Ausrede für mögliches Nichterreichen der persönlichen Bestzeit zu formulieren? Noch ist alles offen, noch kann viel passieren. Irgend jemand spricht mich auf mein hohes Tempo beim Bergablaufen an und ich sage ihm, dass dies mein erster Geländelauf ist und ich grade versuche, ein für mich taugliches System zu finden. Er antwortet nicht. Ich kann mich aber nicht umdrehen, um zu sehen, ob er überhaupt noch hinter mir ist, denn gerade kommt wieder eine extrem wurzelige Passage und benötigt meine volle Konzentration.

Nach der nächsten Labestelle hängt sich ein Läufer an mich an, der sich als "Indy, der Gletscherindianer" vorstellt. Sein Laufpartner musste aufgeben, weil er gesundheitlich angeschlagen ist und Indy hat beschlossen, dass mein Tempo genau für ihn passt. Ich finde es nett, seinem Kärntner Dialekt zu lauschen. Er erzählt vom Ironman und vom Schifahren und einige seiner bevorzugten Schigebiete kenne ich noch vom Motorradfahren im Sommer. Doch das Tempo von Indy ist dann doch etwas niedriger als meines, vor allem bergab und so verliere ich meinen Begleiter bald wieder.

Der Weg wird zum Bach, denn das Wasser hat sich den Hohlweg als Rinnsal ausgesucht. Es ist matschig und jeder versucht, irgendwie seitlich an dem Trail dranzubleiben. Die blau-weiß-blauen Markierungen und die folierten Zeichen des WTC weisen uns den Weg.

Bei der Besprechung wurde auf eine gefährliche Stelle vor der Römerschlucht hingewiesen. Die sollte nach etwa 20 Kilometern kommen. Da ich keine Ahnung habe, dass ich bereits so weit gekommen bin, trifft mich die Schlüsselstelle unvorbereitet. Auf den schräg abwärts verlaufenden Wurzeln finden meine Straßenlaufschuhe natürlich keinen Halt und auch die vom Wasser glatt gewaschenen Steinplatten sind nicht wirklich hilfreich. Ich verlasse die Strecke im Vorwärtsüberschlag und wälze mich unfreiwillig im Dreck weit unterhalb der gedachten Ideallinie. Nachdem ich kurz abgecheckt habe, ob alles noch dran ist (und auch von ein paar besorgten Mitläufern gefragt wurde, ob alles okay sei) muß ich im unehrenhaften 4-WD-Stil (also auf allen Vieren) wieder zum Weg hinaufkrabbeln. Meine schönen weißen CEP Stutzen schauen jetzt aus als wären sie im Camouflage Design geliefert worden. Erkenntnis Nr. 2: Beim Trailrunning sind weiße Strümpfe nonsens.

 

Die Römerschlucht ist wunderschön. Schroffe Felsen mit Moos bewachsen, ein schmales Rinnsal, das sich über Stock und Stein schlängelt und dazu das unwirkliche Herbstlicht. Ich bin ganz bezaubert und überwältigt von den vielen Eindrücken. Am liebsten würde ich jetzt ganz langsam gehen und all diese Bilder auf mich wirken lassen, aber der Trail ist hier so schmal, dass ich andere Läufer aufhalten würde. Schweren Herzens trabe ich durch diese Märchenkulisse, ganz erfüllt von dem Wunsch, bald wieder hier her zu kommen. Schon längst ist die Frage, ob denn das Trailrunning etwas für mich ist der Erkenntnis gewichen, dass es eine der schönsten Arten ist, sich laufend fortzubewegen. Wenn nicht überhaupt die Schönste.

An einem Checkpoint bekommen wir Haargummis über die Handgelenke gestreift. Damit soll verhindert werden, dass Läufer abkürzen. Ich bin beeindruckt. Hier im Gelände abkürzen? Ich würde mich heillos verirren, wenn ich nur drei Schritte von dem gut markierten Trail weggehe!

Immer wieder laufe ich ganz allein und muß nach den Markierungen Ausschau halten. Sie sind sehr gut sichtbar, aber ab und zu doch weit genug auseinander, dass mir kurz Zweifel kommen, ob ich noch richtig bin. Umso größer ist dann die Erleichterung, dass ich scheinbar ein gutes Gespür für den richtigen Weg habe. Und der ist auch wirklich gut markiert. Sogar Markierungen, die scheinbar noch vom vorigen Jahr stammen, finde ich.

Viel zu schnell kommt die Tafel mit der 30 Kilometer Anzeige. Ich kann es kaum glauben, dass schon mehr als die Hälfte der Strecke hinter mir liegt. Natürlich, von der Zeit her.. ich habe schon längst gemerkt, dass die Zeitangaben von der Straße hier völlig nutzlos sind. Aber trotzdem, ab und zu werfe ich einen Blick auf meine Uhr, aber eigentlich ist das eine automatisierte Bewegung, denn die Zahlen am Display sagen mir nichts.

An allen Labestellen sind die Helfer total nett und bemüht. In Velden fragt mich ein junges Mädchen gleich, ob sie meine Trinkflasche anfüllen soll, noch bevor ich selbst auf die Idee gekommen bin. Ich reiche ihr dankbar meine kleine Trinkflasche, während ich ein Stück Apfel und ein Stück Dinkelgebäck für unterwegs nehme.

Irgendwann plötzlich heißt es "Bergwertung Pyramidenkogel". Ich bin irritiert, denn der erste Teil ist flach. Aber dann steigt es ordentlich. Und steigt. Und steigt. Einen Forstweg hinauf marschieren wir, als uns die ersten Läufer entgegenkommen, die schon oben waren. Ein junges Mädchen ruft mir zu: "Es ist hart, aber oben ist dafür eine super Stimmung. Voll Party!". Das letzte Stück ist Asphalt und endlich ist der Pyramidenkogel bezwungen. Ich genehmige mir zwei Becher heiße Suppe und ein Stück Dinkelbrot dazu, fülle meine Trinkflasche an und werde von einer der Helferinnen an der Labestelle angesprochen, wie es mir gefällt. Es ist die junge Frau von der Anmeldung, die gestern mein Hin und Herüberlegen bezüglich der Ummeldung auf eine der kürzeren Strecken begleitet hat. Ich strahle sie an, erkläre ihr, wie froh ich bin, dass ich mich nicht umgemeldet habe. So wunderschön ist die Strecke. Keinen Kilometer hätte ich versäumen wollen. Sie lacht. Als sie mich fragt, ob ich gestürzt sei, bemerke ich, dass ich noch immer völlig verdreckt von meiner Aktion an der Schlüsselstelle bin. Ich versuche vergeblich, den Schmutz herunterzuklopfen, resigniere dann und mache mich achselzuckend wieder an den Abstieg. Hinter mir ruft gerade noch rechtzeitig ein anderer Läufer, dass ich wieder links in den Wald muß. Beinahe wäre ich am Asphalt weitergelaufen. Ich bin froh, wieder weichen Waldboden unter meinen Sohlen zu haben und nur wenige Kurven später steht eine Tafel "noch 15 Kilometer". Das bedeutet ja, dass ich bereits einen Marathon hinter mir habe, denke ich mir. Und bin verblüfft. Nicht von meiner Zeit (die ist für Straßenverhältnisse ein Fall für den Besenwagen) aber davon, dass ich kaum gemerkt habe, wie weit ich schon gekommen bin.

Da ich weiß, dass die letzten Kilometer auf reinem Asphalt verlaufen, genieße ich jetzt jede Wurzel und jeden Stein doppelt. Ich spüre den federnden Waldboden unter meinen Sohlen und - halt - einen Stein im Schuh. Kurz bleibe ich stehen, schnüre meine ASICS auf und schüttle sie aus. Nicht nur ein Stein, sondern eine kleine Schutthalde fällt aus dem linken Schuh. Merkwürdig, das hab ich kaum gemerkt. Auf der Straße hätte mich ein einziges dieser Körnchen im Schuh schon wahnsinnig gemacht. Erkenntnis Nr. 3: Im Gelände sind Steinchen wirklich nur Steinchen. Und machen sich nicht gleich massiv im Schuh bemerkbar.

Die vorletzte Labestelle befindet sich wieder mitten im Wald. Es gibt kurz vorher wieder einen Haargummi übers Handgelenk. Aha, Checkpoint. Und neben Wasser und Iso auch Red Bull Cola. Irgendwie passt das genau zu dem Lauf in Mutter Natur. Das Cola ohne Farb- und Konservierungsstoffe mit seinen vielen Gewürzen, das mit dem gummibärchenartigen Energydrink genau NIX gemeinsam hat. Ich trinke einen Becher des zimtlastigen Colagetränks und mache mich auf die allerletzten Kilometer im Gelände. Als ich auf die Straße hinaus muss, bin ich richtig enttäuscht.

Die letzte Labestelle. Ich treffe zwei deutsche Läufer, die sich köstlich mit den Helferinnen unterhalten. An der nächsten Steigung mache ich für einen jungen Mann Platz, der es eiliger zu haben scheint als ich. Er spricht mich an, ob ich mit ihm mit laufe, er will unter 7 Stunden ins Ziel kommen. Ich kann mein Tempo nicht mehr allzu stark erhöhen und sage ihm ab, wünsche ihm aber alles Gute und rufe ihm ein inniges "Du schaffst es!" hinterher. Nach drei Kilometern kämpft er vor mir mit seinen letzten Reserven. Ich laufe neben ihm, will ihn motivieren, wie er mich vorher motivieren wollte. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Tank leer ist und lasse ihn in Ruhe, wir werden es so oder so beide unter 7 Stunden ins Ziel schaffen. Aber langsamer kann ich jetzt auch nicht mehr. Die Ungeduld treibt mich nach vorn.

Neben dem Lendkanal geht es entlang. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie die Triathleten da immer durchschwimmen, das Wasser zu kochen scheint von den vielen wirbelnden Armen und Beinen. Jetzt liegt der Kanal ruhig und still in der seit wenigen Minuten erst aus den Wolken getretenen Sonne. Ein junges Pärchen sitzt am Ufer, blind für die vorbeikeuchenden Läufer und versucht, sich mit einem Photohandy selbst zu knipsen, sein Glück auf digicard festzuhalten.

Die letze Kurve vor dem Ziel. Ich höre den Sprecher, die Musik, einige Leute klatschen, jemand spricht mich an, ruft "lach für mich, Polizistin" und ich schaue in die Richtung. Ein Bekannter? Woher? Ich kann das Gesicht nicht erkennen, weil es hinter dem Fotoapparat verborgen ist. Später werde ich über facebook erfahren, dass es Friedrich Jeklin war, den ich vom 100-Kilometer Kraftlauf her kenne.

Der Zielbogen liegt vor mir, ein Pärchen in Trachtenkleidung quert seelenruhig vor mir die Strecke. Ich wundere mich, dass ich so langsam zu sein scheine, versuche noch ein letztes Mal zu beschleunigen und drehe mich nach dem Zielbogen zur Zeitnehmung um. 06:56:22 Stunden steht da. Ich taumle kurz, weil mir genau in dem Moment von einem der Mädchen die Finishermedaille umgehängt wird, als der junge Mann das Ziel erreicht, der mich zum Mitlaufen aufgefordert hat und ich mich auch nach seiner Zeit umsehe. Locker unter 7 Stunden. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Er nickt mir zu, sprechen kann er noch nicht.

Ich gehe in Richtung Campingplatz davon, um endlich den Schmutz von meinen Armen und Beinen waschen zu können.

Am Campingplatz erinnert mich eine andere Läuferin daran, den Chip abzugeben. Stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht!

Als ich meine Sachen aus dem Auto hole und zu den Waschräumen gehe, merke ich, dass die Schmerzen wesentlich weniger geworden sind. Auch was Neues. Mit brutalen Schmerzen starten und mit nur noch leichten Schmerzen ins Ziel kommen.

Mal sehen, wie sehr ich morgen leide.

Meine tatsächliche Zielzeit war 06:56,20 Stunden, damit wurde ich Siebente in meiner Altersklasse. Tagesbestzeit bei den Damen lief Ulli Striednig. Und auch die Pyramidenkogel Wertung hat sie klar für sich entschieden. Respect!

Trailrunning macht Spaß. Ich werde in Zukunft öfter offroad starten. Erkenntnis Nr. 4: Ich muß mir jetzt richtige Trail Running Schuhe kaufen. Mit den ASICS Triathlon Schuhen, das geht gar nicht.

8.10.11 19:21


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